Demokratiegeschichten

Sidonie Werner

Sidonie Werner war eine deutsch-jüdische Pädagogin und Sozialreformerin. Sie setzte sich ihr Leben lang engagiert für Frauen- und Mädchenrechte, soziale Gerechtigkeit und gegen Antisemitismus ein.

Familie, Bildung und soziales Engagement

Sidonie Werner wurde am 16. März 1860 in Posen geboren. Ihr familiäres Umfeld lässt sich als kulturell und sozial engagiert sowie streng jüdisch-religiös und hochgebildet beschreiben.

Als junge Frau ließ Werner sich zur Lehrerin ausbilden und arbeitete anschließend als Volksschullehrerin in Hamburg und Altona. Damit setzte sie sich unter anderem auch gegen das traditionelle Bild der jüdischen Frau als Hausfrau und Mutter durch. Sie blieb stattdessen unverheiratet und übte ihren Beruf und ihr soziales Engagement bis zu ihrem Tod 1932 aus.

„Gesegnet wer seine Arbeit gefunden“ – Inschrift auf dem Grab von Sidonie Werner auf dem Jüdischen Friedhof Ohlsdorf, Foto: Vitavia, Wikimedia Commons (CC BY-SA 4.0)

Die Bedeutung von Wohltätigkeit

Die Wohltätigkeit im jüdischen Glauben ist im Gebot Zedaka(h) verankert und hat einen hohen Stellenwert in der Gemeinde. Gleichzeitig war soziales oder wohltätiges Engagement eine Möglichkeit für jüdische Frauen und Mädchen, sich außerhalb des häuslichen/familiären Raumes zu verwirklichen.

Dennoch vertrat Sidonie Werner den Standpunkt, dass Frauen sich nicht ausschließlich karitativen Aufgaben widmen sollten. Sie sah eine gute Bildung und die Möglichkeit, einen Beruf auszuüben, als den Grundstein für die Verbesserung der gesellschaftlichen und politischen Stellung von Frauen. Dies spiegelte sich auch in ihrer späteren Arbeit als Sozialreformerin in Organisationen wie dem Israelitisch-humanitären Frauenverein oder auch dem Jüdischen Frauenbund wider.

Israelitisch-humanitärer Frauenverein

Seit dessen Gründung 1893 war Sidonie Werner auf der Leitungsebene im Israelitisch-humanitären Frauenverein (IHF) aktiv. Dieser galt als eine der „ersten modernen sozialen Frauenorganisationen in Hamburg mit einer explizit jüdischen Zielgruppe“. Der Verein reihte sich mit seiner Konzentration auf Frauenbildung, soziale Wohlfahrt sowie die Förderung berufstätiger Frauen in die Tradition der bürgerlichen Frauenbewegung des Kaiserreichs ein.

Zusätzlich beschäftigte sich der IHF zudem mit Frauenrechten innerhalb der jüdischen Gemeinde, internationalem Mädchenhandel sowie dem Frauenwahlrecht.

Durch soziale Projekte wie Arbeitsvermittlungsstellen, Einrichtungen der Säuglingsfürsorge, Kinderheime und Haushaltungsschulen war der IHF bemüht, jüdische Frauen dabei zu unterstützen, ein selbstbestimmtes und finanziell unabhängiges Leben zu führen. Er stellte einen geschützten Raum dar, in dem Jüdinnen sich austauschen und organisieren konnten.

Der Jüdische Frauenbund

1904 gründete Sidonie Werner dann gemeinsam mit Bertha Pappenheim den Jüdischen Frauenbund (JFB), eine bedeutende Institution der jüdischen Frauenbewegung. 

Der Bund sollte ähnlich dem BDF die verschiedenen jüdischen Frauenorganisationen in ihrer Arbeit zusammenbringen. Ziele des Bundes und der Mitgliedsorganisationen waren neben verbesserten Bildungsmöglichkeiten beispielsweise die Förderung der „Erwerbsmöglichkeiten für jüdische Mädchen und Frauen, Bekämpfung des Mädchenhandels, Stärkung des jüdischen Gemeinschaftsgefühls und Kampf gegen Antisemitismus“. Einige der Frauen setzten sich darüber hinaus für den Zugang von Frauen zu Universitäten und damit zu akademischen Berufen ein.

Man verband also Ideale wie die weibliche Emanzipation der bürgerlichen Frauenbewegung mit Aspekten jüdischer Identität.  

Auch über den JFB war Sidonie Werner am Aufbau und der Unterstützung verschiedener wohltätiger Einrichtungen beteiligt. Dazu gehörten unter anderem ein Heim für berufstätige Frauen in Hamburg, ein Mädchenwohnheim und Altersheim in Berlin oder auch Lehrerinnengruppen. 

Vermächtnis

Der IHF und JFB stellen nur ein Teil der Projekte und Organisationen dar, an denen Sidonie Werner zu Lebzeiten beteiligt war. Durch ihre breit vernetzte Arbeit in der Wohlfahrtspflege und Mädchenbildung prägte Sidonie Werner die soziale Arbeit im frühen 20. Jahrhundert nachhaltig. Ihr Einsatz machte sie zu einer bedeutenden Persönlichkeit der Frauenbewegung.

Engagement & Demokratie in der Jüdisch-Deutschen Geschichte

Die Informationen in diesem Beitrag stammen aus der Portrait-Reihe „Engagement & Demokratie in der Jüdisch-Deutschen Geschichte“ des Leo Baeck Instituts.

In Beiträgen mit Expert:inneninterviews werden dort herausragende, oftmals fast vergessene, Persönlichkeiten der jüdisch-deutschen Geschichte von der Kaiserzeit bis zum Nationalsozialismus portraitiert. Zudem beleuchtet die Reihe das historische Zusammenspiel zwischen jüdischer Emanzipation und gesellschaftlichem Antisemitismus. Trotz andauernder Benachteiligung und zunehmender Anfeindungen spielten Jüdinnen und Juden eine zentrale Rolle in der politischen und gesellschaftlichen Entwicklung Deutschlands, insbesondere während der Kaiserzeit und der Weimarer Republik.“

Die Porträts verdeutlichen, dass eine funktionierende Demokratie nicht nur ein starkes Parlament, sondern auch eine engagierte Zivilgesellschaft braucht, die für Freiheit und Gerechtigkeit eintritt. Sie zeigen, dass Antisemitismus nicht nur eine Bedrohung für Jüdinnen und Juden darstellt, sondern für die gesamte Gesellschaft und ihre demokratischen Werte.

Das Interview mit Prof. Dr. Sabine Toppe zu Sidonie Werner finden Sie hier.

Literatur
Sidonie Werner – Pionierin sozialer Arbeit, Stern der Frauenbewegung - FUF des LBI
Jüdischer Frauenbund | Digitales Deutsches Frauenarchiv
Sidonie Werner | Biografien-Datenbank: Frauen aus Hamburg
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Über uns 
Anya H. arbeitet bei Gegen Vergessen - Für Demokratie e.V. als studentische Hilfskraft.

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