Demokratiegeschichten

Winston Churchill und die europäische Familie

Austritt oder kein Austritt, geregelt oder ungeregelt? Erst im Oktober oder doch schon im Mai? Der Brexit sorgt nicht nur in Großbritannien, sondern europaweit für Aufregung. Diskutiert wird nicht nur über den Austritt eines Landes, sondern auch über den Sinn der europäischen Gemeinschaft an sich. Dabei war es ein Brite, der diesen Gemeinschafts-Gedanken schon früh förderte: Winston Churchill.

Churchill: Visionär und Realist

Schon ein Jahr nach Ende des Zweiten Weltkriegs trägt Churchill seine Idee eines vereinten Europas in die Öffentlichkeit. Am 19. September 1946 hält der ehemalige britische Premierminister eine Rede an der Universität Zürich:

„Es gibt ein Heilmittel, das […] innerhalb weniger Jahre ganz Europa, oder den größeren Teil Europas […] so frei und glücklich machen würde, wie es die Schweiz heute ist. Dieses Mittel besteht in der Erneuerung der europäischen Familie oder doch eines möglichst großen Teils davon. Wir müssen ihr eine Ordnung geben, unter der sie in Frieden, Sicherheit und Freiheit leben kann. Wir müssen eine Art Vereinigte Staaten von Europa errichten.“

https://www.churchill-in-zurich.ch/site/assets/files/1807/rede_winston_churchill_deutsch.pdf

Churchill geht noch einen Schritt weiter. Sein Vorschlag zur Gründung einer europäischen Gemeinschaft sieht Folgendes vor:

Der erste Schritt zu einer Neuschöpfung der europäischen Völkerfamilie muss eine Partnerschaft zwischen Frankreich und Deutschland sein. (…) Es gibt kein Wiederaufleben Europas ohne ein geistig großes Frankreich und ein geistig großes Deutschland.

Während Europa noch in Trümmern liegt, spricht Churchill bereits von Versöhnung. Sicherlich nicht aus purer Menschenfreundlichkeit oder Naivität. Vielmehr hat er einen realistischen und pragmatischen Blick auf die internationalen politischen Entwicklungen.

Bereits im Mai 1946 prägte Churchill den Begriff „Eiserner Vorhang“ für den aufkommenden Ost-West-Konflikt. Auch in der Züricher Rede warnt er vor den Gefahren eines neu ausbrechenden Konflikts.

Die Vereinten europäischen Staaten: Der frühere und spätere britische Premier (1940-1945 und 1951-1955) sah in ihnen einen Weg, das Ausbrechen eines neuen Krieges zu verhindern. Oder positiver formuliert, den Frieden in Europa dauerhaft zu stabilisieren.

Möglicherweise begriff Churchill das Bündnis auch als ein Gegengewicht zu den Großmächten USA und Sowjetunion. Somit fiele den Vereinten europäischen Staaten letztendlich die Rolle eines Garanten für den Frieden weltweit zu. Was genau Churchill mit seiner Idee bezweckte, darüber lässt sich viel spekulieren.

Und Großbritannien?

Spekulieren lässt sich auch über die Rolle, die das Land in der neuen europäischen Familie hätte einnehmen sollen. Zwar schlägt Churchill bereits in Zürich die Bildung eines Europarats vor. Doch wie Großbritannien sich an diesem beteiligen soll, lässt er offen:

Großbritannien, das britische Commonwealth (…) sollen die Freunde und Förderer des neuen Europa sein und dessen Recht, zu leben und zu leuchten, beschützen.

Freund des neuen vereinten Europas? Auf jeden Fall! Aber Teil desselben? No comment.

Was hält Churchill davon ab, Großbritannien als Mitglied einer europäischen Vereinigung zu sehen? Möglicherweise sieht er die Notwendigkeit dafür nicht, so lange Frieden auf dem Kontinent herrscht. Vielleicht vertraut er zu diesem Zeitpunkt auch weiter auf die Macht des britischen Commonwealth.

Wie ging es in den folgenden Jahren mit Großbritannien und Europa weiter? Und wie positionierte sich Churchill?

1948 sitzt er als Ehrenpräsident dem Europa-Kongress vor, aus dem ein Jahr später der Europarat hervorgeht. Auch an dessen erster Zusammenkunft nimmt Churchill teil. Nach und nach breitet sich die europäische Idee auf dem Kontinent aus. An einigen Initiativen beteiligt sich Großbritannien, bei anderen will oder kann es nicht dabei sein. Das Verhältnis der Insel zum Kontinent schwankt zwischen Distanz und Annäherung.

Und heute? Was würde Churchill wohl zur Brexit-Debatte beitragen? Befürworter oder Gegner des Brexit – Argumente ließen sich für beide Seiten finden. Eins jedenfalls kann man ihm nicht unterstellen: Dass er ein Gegner der europäischen Gemeinschaft gewesen wäre. Sein Engagement für Europa und den Frieden wurde 1955 mit dem Aachener Karlspreis ausgezeichnet.

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Annalena B. arbeitet bei Gegen Vergessen - Für Demokratie e.V.

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