Demokratiegeschichten

Zum Tag der Deutschen Einheit

Endlich war es so weit! Am 3. Oktober 1990 trat die DDR der BRD bei, dies war der erste Tag der Deutschen Einheit. Weniger als ein Jahr nach dem Mauerfall, aber 41 Jahre nach der Teilung, feierte man die Wiedervereinigung. Millionen Menschen vor Ort und vor dem Fernseher sahen zu, wie um Mitternacht unter Jubel die schwarz-rot-goldene Flagge am Reichstagsgebäude gehisst wurde.

Der Wiedervereinigung gingen zahlreiche Verhandlungen voraus. Mit den ehemaligen Besatzungsmächten, aber auch zwischen den zwei deutschen Staaten. Denn dass die Wiedervereinigung erfolgen würde – und auch noch so schnell – stand keinesfalls von Anfang an fest. Zur Volkskammerwahl im März plädierten mehrere Parteien für eine Demokratisierung der DDR und/oder eine spätere Wiedervereinigung. Letztlich setze sich die „Allianz für Deutschland“ mit der abgeänderten Parole der Friedlichen Revolution „Wir sind ein Volk“ durch. Wie ihr Name schon sagt, war eine schnelle Wiedervereinigung mit der Bundesrepublik ihr Ziel.

Dass die Wiedervereinigung nur auf dem Einsatz und gegenseitigem Verständnis aller Seiten bauen konnte, erkannte auch der damalige Bundespräsident. Am 3. Oktober 1990 hielt Richard von Weizsäcker beim Staatsakt zum Tag der Deutschen Einheit eine Ansprache. Einige Ausschnitte findet ihr hier, die ganze Rede steht auf der Seite des Bundespräsidenten.

Die Form der Einheit ist gefunden. Nun gilt es, sie mit Inhalt und Leben zu erfüllen. Parlamente, Regierungen und Parteien müssen dabei helfen. Zu vollziehen aber ist die Einheit nur durch das souveräne Volk, durch die Köpfe und Herzen der Menschen selbst. Jedermann spürt, wie viel da noch zu tun ist. Es wäre weder aufrichtig noch hilfreich, wollten wir in dieser Stunde verschweigen, wieviel uns noch voneinander trennt.

Die äußeren Zwangsmittel der Teilung hatten ihr Ziel, uns zu entfremden, nicht erreicht. Widermenschlich, wie Mauer und Stacheldraht waren, hatten sie den Willen zusammenzukommen, nur um so tiefer erfahren lassen. Wir empfanden es vor allem in Berlin, dieser Stadt von zentraler Bedeutung in Vergangenheit und Zukunft. Die Mauer täglich sehen und spüren, ließ uns nie aufhören, an die andere Seite zu glauben, auf sie zu hoffen. Jetzt ist die Mauer weg, und das ist das Entscheidende.

(…)


Wir müssen uns zunächst einmal gegenseitig besser verstehen lernen. Erst wenn wir wirklich erkennen, daß beide Seiten kostbare Erfahrungen und wichtige Eigenschaften erworben haben, die es wert sind, in der Einheit erhalten zu bleiben, sind wir auf gutem Wege.

(…)

Keine noch so kluge Theorie, keine noch so ausgefeilte Kalkulation ersetzt die grundlegende Erfahrung der Menschen aller Kulturen und Religionen, daß der Mensch sich dem anderen erst dann wirklich zuwendet, wenn er mit ihm teilt. Wirklich vereint werden wir erst sein, wenn wir zu dieser Zuwendung bereit sind. Wir können es. Und viele, ich glaube die meisten, wollen es auch.


Ansprache von Bundespräsident Richard von Weizsäcker beim Staatsakt zum „Tag der deutschen Einheit“
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Über uns 
Annalena B. arbeitet bei Gegen Vergessen - Für Demokratie e.V.

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