Demokratiegeschichten

5. Mai: Europäischer Protesttag zur Gleichstellung von Menschen mit Behinderung

Jeder Mensch hat ein Recht auf selbstbestimmtes Leben. Wo und wie wir leben, ob wir unseren Feierabend zu Hause oder in der Disco verbringen, das und mehr ist uns selbst überlassen.

Für ihre Gleichstellung und gegen Diskriminierung protestieren seit über 30 Jahren am 5. Mai Menschen mit Behinderungen. Heute veranstalten Verbände und Organisationen der Behindertenhilfe und -selbsthilfe rund überall in Deutschland Podiumsdiskussionen, Informationsgespräche, Demonstrationen und andere Aktionen. Ziel dabei ist es, den im Grundgesetz verankerten Anspruch der Gleichberechtigung für alle Menschen tatsächlich umzusetzen.

Das inklusive Rap-Duo Eko Fresh & Rolling G unterstützt den Protesttag zur Gleichstellung mit einem Song. Bild: Instagram der Aktion Mensch.

Die Geschichte des Tages: Entwicklung in Deutschland

Der erste Protesttag fand 1992 auf Initiative des Vereins Selbstbestimmt Leben (ISL), einer Interessenvertretung von Menschen mit Behinderung, statt. Die Aktion Mensch hat es sich zur Aufgabe gemacht, das Engagement rund um den 5. Mai zu bündeln. Der Tag hatte eine europäische Ausrichtung und stellt den Kampf gegen Diskriminierung in den Vordergrund. Nach der Vereinigung der beiden deutschen Staaten wurde hier außerdem eine Verfassungsergänzung gefordert.

Der Europäische Protesttag war nicht die erste Aktion, in der Menschen mit Behinderung auf Diskriminierung gegen sie aufmerksam machten. Bereits Mitte der 1970er Jahre finden Aktionen gegen ausgrenzende Barrieren – die Krüppelbewegung entsteht. Deren Name ist bewusste Provokation:

 „Immer wieder werden wir danach gefragt, warum wir uns als Krüppel bezeichnen. (…) Der Begriff Behinderung verschleiert für uns die wahren gesellschaftlichen Zustände, während der Name Krüppel die Distanz zwischen uns und den sogenannten Nichtbehinderten klarer aufzeigt. (…) Ehrlicher erscheint uns daher der Begriff Krüppel, hinter dem die Nichtbehinderten sich mit ihrer Scheinintegration (‚Behinderte sind ja auch Menschen‘) nicht so gut verstecken können.“


O.A., Warum Krüppel?, in: Krüppelzeitung 1/82, S. 2.
Gusti Steiner (3. v. l.) und andere Behindertenbewegten auf der Bühne der Westfalenhalle 1981. Quelle: Archiv der behindertenpolitischen Selbsthilfe (AdbS), Dortmund | Ernst Herb

Dann rief 1981 UNO das „Internationale Jahr der Behinderten“ aus. Auch in Westdeutschland lud die Bundesregierung zur feierlichen, hochoffiziellen Eröffnung ein. In der Dortmunder Westfalenhalle sollten wichtige Reden gehalten werden, u.a. vom Bundespräsidenten. Doch statt den geladenen Redner:innen ketteten sich auf einmal Menschen an Krücken oder im Rollstuhl aneinander. Sie kritisierten, dass die Lebensumstände von Menschen mit Behinderung weiterhin unsichtbar blieben. Ihr Versuche der Selbstbestimmung und Selbstvertretung würden unterlaufen.

Die Geschichte des Tages: Einfluss aus den USA

1990 war Deutschland mitten im Prozess der Wiedervereinigung. Dass in den USA der „Americans with Disabilities Act (ADA)“ verabschiedet wurde, kriegten die meisten Menschen daher nicht mit. Doch eine Tagung des Bundesverbandes Selbsthilfe Körperbehinderter (BSK) im März 1990 brachte neue Bewegung: Sie verabschiedete ein „Plädoyer für ein Mobilitätssicherungsgesetz“. Ein Gesetz nach US-Vorbild sollte erstellt werden, zur Ausarbeitung desselben gründet sich der Initiativkreis Gleichstellung Behinderter.

Präsident Bush unterzeichnet den Beschluss zum Inkrafttreten des ADA. Von links nach rechts: Evan Kemp, Harold Wilke, George H.W. Bush, Sandra Parrino, Justin Dart. Foto: gemeinfrei.

Der Initiativkreis beschloss außerdem die Durchführung eines Protesttags zur Gleichstellung. Dieser sollte europaweit in möglichst vielen Städten erfolgen. Der Initiativkreis wählte den 5. Mai 1992 in Anlehnung an das Gründungsdatum des Europarates.

Der 5. Mai 2023: „Zukunft barrierefrei gestalten“

In den letzten 30 Jahren hat die Gleichstellung von Menschen mit Behinderung rechtlich gesehen Fortschritte gemacht. Stichworte sind unter anderem: Behindertengleichstellungsgesetz (BGG ), Allgemeines Gleichbehandlungsgesetz (AGG) und UN-Behindertenrechtskonvention (UN-BRK).

Das bedeutet aber nicht, dass die Gleichstellung im Alltag angekommen ist. Unter dem Motto „Zukunft barrierefrei gestalten“ findet daher auch heute wieder der Protesttag statt. Das Thema Barrierefreiheit steht dabei im Zentrum der stattfindenden Aktionen. Es geht grob gesagt darum, dass Menschen mit Behinderungen Plätze besuchen, Dienstleistungen und weiteres wahrnehmen können, ohne fremde Hilfe in Anspruch nehmen zu müssen. (Eine ausführlichere Erklärung zu Barrierefreiheit findet ihr auf der Seite der Aktion Mensch.)

In der Muster-Pressemitteilung der Aktion Mensch heißt es zum Motto:

Eine Welt ohne Barrieren ist für alle Menschen – insbesondere aber auch für Menschen mit Behinderung, ältere Menschen, Eltern mit Kinderwagen oder Menschen ohne vertiefte Sprachkenntnisse – zugänglicher und lebenswerter.

Muster-Pressemitteilung zum Protesttag 5. Mai 2023, hier downloadbar.

Wir wünschen allen Beteiligten an der Aktion und am Protesttag viel Erfolg und guten Austausch!

Mehr zur Geschichte des Tages findet ihr in dieser Broschüre des ISL.

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Über uns 
Annalena B. arbeitet bei Gegen Vergessen - Für Demokratie e.V. als Projektkoordinatorin im Bereich Demokratiegeschichte.

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