Demokratiegeschichten

„Bochumer Wege der Demokratie“ – Lokale Orte der Demokratiegeschichte

Im Gegensatz zur Erinnerung an den Nationalsozialismus stellt die Demokratiegeschichte in Bochum bisher weitestgehend eine Leerstelle dar. Ein breiteres Verständnis von Demokratie bietet Potenziale, Demokratiegeschichten gerade vor Ort sicht- und erfahrbar zu machen. Die „Bochumer Wege der Demokratie“ akzentuieren deshalb nicht große Meilensteine der deutschen Demokratie, sondern fokussieren anhand von thematischen Führungen zu Migration, Bildung oder Mitbestimmung lokale Auseinandersetzungen von Demokratie, die den Demokratiebegriff mit Leben füllen können.

Demokratiegeschichte als blinder Fleck

Als im vergangenen Jahr mit Blick auf das große, 175-jährige Jubiläum der revolutionären Ereignisse von 1848/49 die Frage nach einer möglichen Beteiligung einer Bochumer Initiative an den Feierlichkeiten 2023 aufkam, war die Ratlosigkeit zunächst groß. Wo waren eigentlich die Orte der Demokratiegeschichte „tief im Westen“? Bochum ist immerhin eine Stadt, die ein Schauplatz gewerkschaftlichen Streiks und des Ruhrkampfes war, in der in den 1960er Jahren die „Arbeiter-Uni“ Ruhr-Universität gegründet wurde und die sich als ein Zentrum der Mitbestimmung im langen Prozess des Strukturwandels sieht.

Zahlreiche Erinnerungsorte der Bochumer Geschichte können schon jetzt auf einer interaktiven Karte des Projekts „Lernen durch Erinnern“ entdeckt werden. Quelle: privater Screenshot

Während die Initiativen zu Erinnerungen an die „negative“ Geschichte mittlerweile aus dem Stadtbild nicht mehr wegzudenken sind (zur Übersicht), stellt die positive Demokratiegeschichte dagegen einen recht blinden Fleck vor Ort dar. Hierfür steht Bochum sicher eher exemplarisch denn exzeptionell. Mit Blick auf die Geschehnisse von 1848/49 lässt sich dieser Umstand noch mit des erst zur Zeit des Deutschen Reiches einsetzenden Urbanisierungsprozesses im Ruhrgebiet erklären. Doch mit Blick auf die wechselvolle Geschichte des 20. Jahrhunderts – des Ruhrgebiets und der (bundes-)deutschen Demokratie – verwundert diese Leerstelle umso mehr.

Lokalgeschichte der Demokratie

Aber wie findet man Orte der Demokratie in Städten, die keine großen Revolutionen und deren Held*innen oder gar parlamentarischen Einrichtungen hervorgebracht haben? Zunächst ist hier eine Auseinandersetzung mit dem Verständnis des Demokratiebegriffs angebracht. Anstelle einer Fokussierung auf reine (Erfolgs-)Geschichten der Institutionalisierung demokratischer Elemente in das politische System lohnt es, ein breiteres Demokratieverständnis zu verfolgen.

Ein Stolperstein in Bochum erinnert an den Widerstandskämpfer Karl Springer, der von den Nationalsozialisten 1936 gefoltert und ermordet wurde. Quelle: CC BY-SA 3.0

Indem man unter Demokratiegeschichte über Veränderungen des politischen Systems hinaus ganz alltägliche und lebensnahe Prinzipien wie Teilhabe, Mitbestimmung, Protest und Integration fasst, die immer wieder neu ausgehandelt werden (müssen), rücken vielfältige Formen und Erinnerungsorte in den Blick. Damit wollen wir auf der einen Seite den „Demokratie-Begriff“ etwas bunter zeichnen und mit lebensnahen Aspekten, Prinzipien und Aktionen verknüpfen sowie auf der anderen Seite zur Diskussion über eben jene von uns vorgeschlagenen Charakteristika anregen.

Wir wollen den Demokratiebegriff selbst demokratisieren und Bürger*innen vor Ort Angebote machen, wie sie ihr Demokratieverständnis mit Leben füllen können. Somit wollen wir aufzeigen, dass auch Aspekte aus der Politik, Kultur oder Bildung, die man nicht gleich mit einem klassischen Demokratieverständnis verbindet, Ausdruck und Ergebnis von demokratischen Aushandlungsprozessen sein können. Ziel soll es also sein, Demokratie mit anderen Kategorien wie „Migration“, „Widerstand“ oder Schul- oder Universitätsgründungen zusammenzudenken.

Demokratiegeschichte mit Leben füllen

Von zentraler Bedeutung und Grundlage unseres Konzepts ist der Gedanke, dass die Begriffe Demokratie und Demokratiegeschichte mit Leben gefüllt werden müssen. Dadurch wollen wir verhindern, dass sie zu bloßen begrifflichen Worthülsen verfallen. Wir wollen Demokratie also thematisch vielfältig anhand von Biografien, Entwicklungen, Orten, Institutionen und Handlungen über politische Systeme und Jahrhunderte hinweg darstellen und erfahrbar machen. Auf diese Weise möchten wir vor allem die lokalen Besonderheiten von Demokratie herausstellen.

Wenngleich die Revolutionen von 1848, 1918 und 1989 von zentraler Bedeutung für die Demokratiegeschichte Deutschlands waren, haben sie nicht unmittelbar in Bochum stattgefunden. Nichtsdestotrotz zeigt sich Demokratie und Demokratiegeschichte hier natürlich auch – lediglich anders. Die Betonung dieser für die Bochumer*innen zugänglicheren und nahbareren Aspekte können neben die großen Orte der deutschen Demokratiegeschichte rücken. Sie können der häufig abstrakten Demokratiegeschichte einen alltäglicheren Anstrich geben.

Ergebnis einer solchen Herangehensweise ist, dass einzelne Regionen, Städte und Orte jeweils eigene Demokratiegeschichten schreiben können. Diese sind passender für ihre jeweilige regionale Identität und Stadtgesellschaft als große Erzählungen, die vor allem für die deutsche Nationalgeschichte ihre Bedeutung haben.

Rundgänge „Bochumer Wege der Demokratie“

Aufgrund der großen Themenvielfalt dieses breiten Ansatzes zur Demokratiegeschichte, wollen wir in Bochum verschiedene Wege der Demokratie anbieten. Im Verlauf der Konzepterarbeitung sollen verschiedene Demokratiewege entstehen, so dass den Anwender*innen dieser GPS-basierten Führungen vielfältige Nutzungsoptionen zur Verfügung stehen.

Die Geschichte von Migration wie die der „Ruhrpolen“ lässt sich heute als Demokratiegeschichte erzählen. Hier die Inschrift der Polnischen Arbeiterbank Robotników e.G.m.b.H. in der Bochumer Innenstadt. Quelle: CC BY-SA 3.0

Neben einzelnen Themenführungen zu Schwerpunkten wie Migration, Gewerkschafts- und Protestgeschichte sowie zu demokratischen Institutionen wie der Universität und den Partnerstädten soll es auch eine „Highlight-Tour“ geben. Diese soll exemplarisch Aspekte aus allen Teilbereichen zusammenführen und so die konzeptionelle Breite von Demokratie(geschichte) aufzeigen. Gleichzeitig sind auch Touren denkbar, die Demokratiegeschichte in verschiedenen politischen Systemen darstellt. Folgende Themen sollen in den Bochumer Wegen der Demokratie behandelt werden:

  1. In Bezug auf das Thema Migration sollen zum einen die Geschichte der „Ruhrpolen“ sowie der Gastarbeiter*innen aus verschiedenen Ländern in den Blick genommen werden, die zum einen während des Kaiserreichs und zum anderen im Nachkriegsdeutschland nach Bochum kamen.
  2. Fokussiert werden soll zudem die Gründung der Ruhr-Universität als Reformuniversität sowie als erste Neugründung einer Universität nach dem Zweiten Weltkrieg in der Bundesrepublik.
  3. Ebenso soll ein Blick auf die Geschichte der unterschiedlichen Partnerstädte von Bochum gerichtet werden. Insbesondere die Aufnahme der Beziehungen zu Nordhausen in Thüringen und Donezk in der Ukraine waren Ergebnisse der deutschen Vereinigung bzw. der Auflösung der Sowjetunion. Auch hier spielte Demokratie eine besondere Rolle und spiegelte sich explizit in den Interaktionen der Partnerstädte wider.
  4. Ein zentraler Fokus soll, neben Biografien von Gewerkschaftlern, die für Mitbestimmung gekämpft haben, auch auf Bochumerinnen gelegt werden, die sich durch ihren Einsatz für Frauenrechte auch für Demokratie eingesetzt haben.

Gerade in der Niedrigschwelligkeit der Angebote liegt unserer Meinung nach ein großes Potenzial, unsere Demokratie historisch für viele Bürger*innen erfahrbar zu machen und damit die Rolle jedes Einzelnen im demokratischen Gemeinwesen herauszustellen.

Die Autoren:

Sebastian Döpp studierte Geschichte, Anglistik und Public History an der Ruhr-Universität. Er arbeitet am Institut für Diaspora- und Genozidforschung und an der Fernuniversität Hagen als Mediendidaktiker und promoviert mit dem Projekt „»Türken-Jäckh« – Ein Player zwischen den Welten. Eine biografische Analyse eines politischen Akteurs“. Zusammen mit Thorben Pieper hat er „Lernen durch Erinnern“ gegründet. Er ist Mitglied der Regionalen Arbeitsgruppe Mittleres Ruhrgebiet von Gegen Vergessen – Für Demokratie e.V..

Thorben Pieper studierte Geschichte, Germanistik und Bildungswissenschaften an der Ruhr-Universität und promoviert zum Thema „Verseuchte Landschaften wiederherstellen – Altlastensanierung, Umweltexperten und die Wahrnehmung ostdeutscher Räume“. Er ist seit Februar 2022 Stipendiat der Bundesstiftung Aufarbeitung und hat zusammen mit Sebastian Döpp „Lernen durch Erinnern“ gegründet. Er ist Mitglied der Regionalen Arbeitsgruppe Mittleres Ruhrgebiet von Gegen Vergessen – Für Demokratie e.V. .

Christopher Kirchberg studierte Geschichte, Sozialwissenschaften und Pädagogik an der Ruhr-Universität und arbeitet als Wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Professur für Zeitgeschichte. Dort promoviert er zur Geschichte der Überwachung in der Bundesrepublik. Er ist Sprecher der Regionalen Arbeitsgruppe Mittleres Ruhrgebiet von Gegen Vergessen – Für Demokratie e.V.

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