Demokratiegeschichten

Das schweigende Klassenzimmer

5 Minuten Schweigen und ihre Konsequenzen

Eine ostdeutsche Schulklasse entschließt sich 1956 dazu, eine Schweigeminute für die Opfer des Ungarnaufstands abzuhalten. Die 5 Minuten Schweigen haben Konsequenzen: Der Geschichtslehrer der Klasse reagiert zunächst verwirrt, stellt gezielt einfache Fragen. Alles umsonst; wer dran genommen wird, steht zwar auf, aber setzt sich wieder schweigend. Lehrer und Kollegen sind überfordert. Und noch wichtiger: Die Klasse führt ihr Schweigen weiter, hält zusammen.

„Ein kleiner Akt des Widerstandes,“ sagt Garstka immer noch leicht triumphierend. „Die Partei hatte dafür keine Verhaltensschablone.“ – Autor Dietrich Garska im Gespräch mit dem Spiegel

Bald erfährt auch die Stasi von ihrer Aktion. Im folgenden werden die Schüler*innen wiederholt verhört und gegeneinander ausgespielt. Trotzdem bleiben sie bei ihrem Schweigen und halten zusammen. Schließlich wird die gesamte Klasse vom Abitur ausgeschlossen. Daraufhin verabreden sie ihre Flucht in den Westen, 16 Schüler*innen machen sich auf den Weg nach Westberlin, vier bleiben zurück.

„Das schweigende Klassenzimmer“ erzählt die Geschichte von einem Widerstand, der zunächst keiner sein sollte. Die Schüler*innen wirken wie von einem Sog mitgerissen, den sie nicht voraussehen konnten. Umso beeindruckender ist es, dass sie sich nicht auseinander reißen ließen.

Warum diese Empfehlung?

Beim Schauen des Films oder beim Lesen des Buches wird deutlich, dass sich die Jugendlichen ihrer Situation bewusst waren. Bleiben in der DDR bedeutete Sicherheit im Gewohnten, Geborgenheit bei Familie und Freunden. Aber möglicherweise auch weitere Sanktionen, der Abiturausschluss war ein schwerer Schlag. Eine Flucht in den Westen bedeutete Freiheit, aber auch Ungewissheit und Trennung von geliebten Menschen auf unbestimmte Zeit. Die Jugendlichen diskutierten diese Möglichkeiten miteinander, versuchten sich gegenseitig zu überzeugen, akzeptierten aber auch die Entscheidungen der anderen.

Wo der Film endet, geht das Buch von Dietrich Garska, einem der Abiturienten, weiter. Er erzählt von der Aufnahme der Schüler*innen im Westen, von ihren weiteren Lebenswegen, von Rückholversuchen, fingiert von der Stasi. Auch von Klassentreffen und Wiedersehen, die erst in den 1990er Jahren, 40 Jahre nach ihrer Schweigeminute, möglich waren. Buch und Film liefern beeindruckend Zeugnis davon, wie Zusammenhalt und füreinander einstehen sogar Staatsmechanismen einer Diktatur scheitern lassen können.

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Über uns 
Annalena B. arbeitet bei Gegen Vergessen - Für Demokratie e.V.

2 Kommentare

  1. CKLB

    19. November 2019 - 13:58
    Antworten

    Einer der besten, wenn nicht sogar der beste deutsche Film, den ich kenne. Tolle Geschichte, die auch nach einer wahren Begebnheit beruht. Gute Szenenwechsel geben dem Film einen guten Tempowechsel, sodass zu keinem Zeitpunkt langeweile aufkommt.
    Desweiteren stecken viele Details im Film, welche die Zeiten der DDR aufzeigen und zudem dokumentarisch wirken. Ein rundum gelungener Film, der sehr zu empfehlen ist.

  2. Heinrich Grasreiner

    14. Oktober 2020 - 0:59
    Antworten

    Ich, im selben Alter damals, wie die Oberschulkameraden im Film, hatte in Jena mein persönliches Erlebnis mit der Ungarnrevolution 1956 (Oberschule am Anger). für mich war das auch meine Entscheidung, die DDR zu verlassen. ich hatte aber großes Glück, dass ich nicht in die Hände der Stasi gefallen bin, wohl weil mein Lehrer kein Stasi-Freund war und Charakter besaß. Hier mein Bericht:
    Ungarnrevolution (Namen gekürzt)

    1956 war die Revolution in Ungarn, das war für uns ein großer Freiheitskampf der Ungarn. Nachdem die kommunistische, sowjetisch abhängige Regierung in die friedlichen Massen schießen ließ, griff praktisch das Volk zu den Waffen. Die Sowjetunion hat am Ende mit Waffengewalt ihre imperialistische Gewaltherrschaft blutig erhalten. Für mich als 17-jährigen war damals damit klar, dass ich an keiner aktiven Handlung mehr für das sowjetisch gestützte DDR-Regime beteiligt sein werde, das war mein fester Vorsatz.- Aber ich will ja mein wahres Erlebnis während der Ungarnrevolution erzählen: Wir hatten zu dem Zeitpunkt an der Oberschule am Anger bei unserem Deutschlehrer, Herrn W. auch Gegenwartskunde. Da war es üblich, dass ein Schüler eine Art Bericht über die Wochenereignisse (auch eventuell 14 Tage) abgeben musste und dafür auch eine Zensur bekam. Ich war also dran gewesen damals. Für mich war klar, dass ich die Wahrheit berichten werde. Ich hing also dauernd vorm Radio und machte mir Stichpunkte. Der Hauptsender dazu war der Sender Rot Weiß Rot. Das war ein Geschenk des Himmels, weil Österreich im kommunistischen Sprachgebrauch mit dem Staatsvertrag von 1955 zum Weltfriedenslager gerechnet wurde. Da durften ja wohl die Berichte des offiziellen Rundfunks verwendet werden! Ich hatte die Wahrheit da sozusagen aus erster Hand. Natürlich habe ich den DDR-Rundfunk nicht vergessen! Aber die Zitate von Ulbricht standen in einem himmelschreienden Gegensatz zu den Rot-Weiß-Rot Berichten. Ich hatte nur Zettel mit aneinandergereihten Stichworten und schaute kaum auf, es war ein Mut – Tag natürlich auch mit etwas Bammel, jedenfalls habe ich das Ding durchgezogen. Das Wutzischen und das verzerrte Gesicht einer Mitschülerin, die eine Erzkommunistin war (Name weiß ich nicht mehr), habe ich aber mitbekommen.
    W. war offensichtlich schon länger in aufgeregter Bewegung zwischen den Tischen (Gangreihen) hin und her und wusste nicht, was er machen sollte. Schließlich gab W. bekannt, dass er mir darauf keine Zensur geben könne, ich sollte später einen Bericht neu abgeben. Nach meiner Erinnerung war es ein Donnerstag, an dem ich dann regelmäßig krank fehlte zur Vermeidung. Als ich dann wieder auftauchte, wurde kein Wort mehr darüber verloren. Also der Lehrer hatte offensichtlich keinen Draht zur Stasi, die saß nämlich schräg gegenüber in einem Altbau. W. ist, wie ich hörte später auch noch in den anderen Teil Deutschlands umgezogen (München). Herr W. wurde allgemein als guter Deutschlehrer akzeptiert. Er hatte sogar einmal zwei Lehrer aus Westdeutschland mit zu uns in die Klasse gebracht zum Hospitieren, sie waren auch in einer Gegenwartskundestunde anwesend. Dabei erinnere ich mich, dass die beiden uns praktisch darüber aufgeklärt haben, dass die Russen den Polen Gebiete weggenommen hätten und dafür hätten die Polen deutsche Gebiete erhalten. Für uns waren solche Fakten damals praktisch tabu. Also meinem Abi hat mein Ungarnbericht nicht geschadet, weil viele Lehrer eben noch Charakter hatten. Ich hatte auch einen Aufsatz über das Funktionärstum in der DDR geschrieben, den habe ich mit meinem Schulkameraden K. B. vor dem Abi aus dem Klassenschrank geklaut vorsichtshalber.

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