Demokratiegeschichten

Demokratiegeschichten 2018 – ein Jahresrückblick

Als dieses Jahr 2018 begann, gab es uns noch gar nicht, den Blog Demokratiegeschichten. Trotzdem wagen wir einen Jahresrückblick. Auf 12 Monate Demokratiegeschichten:

Januar

Deutschland sucht eine neue Regierung – und das ist nicht leicht. Die Sondierungsgespräche für eine Jamaika-Koalition scheiterten im November 2017. Im Januar sieht es wieder nach einer Großen Koalition aus. Ganz so einfach ist es aber nicht, in der SPD formiert sich Widerstand gegen die „GroKo“. Ein Mitgliederentscheid wird durchgeführt. Sigmar Gabriel nennt dies ein „Fest der innerparteilichen Demokratie“. Im März werden sich 66 Prozent der SPD-Mitglieder für eine Große Koalition entscheiden.

Februar

#Free Deniz – seit einem Jahr läuft unter diesem Slogan eine beispiellose Solidaritätskampagne für den in der Türkei inhaftierten deutsch-türkischen Journalisten Deniz  Yücel. Am 16. Februar hat die Kampagne Erfolg. Oder war es der Druck, den vor allem Deutschland ausübte? Auf jeden Fall wird der Journalist am 16. Februar aus der Untersuchungshaft  entlassen und  kann ausreisen. Zugleich eröffnet die Istanbuler Staatsanwaltschaft die Anklage gegen Yücel wegen angblicher „Terrorpropaganda“ und „Aufstachelung des Volkes zu Hass und Feindseligkeit“. Der Prozess wird auch 2019 fortgesetzt werden. Und immer noch sitzen viele regierungskritische Journalist*innen in türkischen Gefängnissen.

März

Am 12. März ist es so weit. Der Koalitionsvertrag zwischen CDU, CSU und SPD wird unterzeichnet. Steht auch etwas zur Demokratiegeschichte drin? Ja, zum Beispiel dieser schöne Satz: „Ohne Erinnerung keine Zukunft – zum demokratischen Grundkonsens in Deutschland gehören die Aufarbeitung der NS-Terrorherrschaft und der SED-Diktatur, der deutschen Kolonialgeschichte, aber auch positive Momente unserer Demokratiegeschichte.“ So weit, so gut, aber geht es noch etwas konkreter? Ja, da steht auch noch: „Die Koalitionsparteien werden eine vom Deutschen Bundestag zu beschließende Konzeption zur Förderung der Orte deutscher Demokratiegeschichte erarbeiten“. Wie das aussehen wird, darauf sind wir richtig gespannt.

April

Hurra, unsere erste Publikation des Jahres kommt aus der Druckerei! Es geht natürlich um „Demokratiegeschichte als Mittel zur Demokratiestärkung“. In der gemeinsamen Broschüre von Gegen Vergessen – Für Demokratie e.V. und der Gedenkstätte Deutscher Widerstand nähern sich eine Autorin und mehrere Autoren dem Thema aus unterschiedlichen Perspektiven. Das Heft wird nicht nur kostenfrei an Interessierte verschickt, sondern steht auch zum Download bereit.

Mai

Der Mai wird aufregend für Gegen Vergessen – Für Demokratie e.V. Am dritten und vierten Mai sind wir Mitveranstalter der Tagung „Orte der Demokratiegeschichte“ in Darmstadt. Und dann ziehen wir, d.h. die Mitarbeiter*innen der Geschäftsstelle, vom zweiten in den vierten Stock der Gedenkstätte Deutscher Widerstand. Außerdem gilt ab dem 25. Mai die Europäische Datenschutzgrundverordnung in Deutschland. Auch für gemeinnützige Vereine. Überall werden Datenschutzerklärungen geschmiedet. Die große Klagewelle wird befürchtet, aber sie bleibt bis zum Jahresende aus. Und eigentlich geht es bei der Datenschutzgrundverordnung um ein sehr demokratisches Anliegen: Den Schutz der Persönlichkeitsrechte jedes Einzelnen.

Juni

Gegen Vergessen – Für Demokratie e.V. ist zu Gast im Gustav Stresemann-Institut in Bonn. Am 8. und 9. Juni diskutieren Mitglieder, Regionale Sprecher*innen, Vorstand und Mitarbeitende der Geschäftsstelle, wie das „Für Demokratie“ mit Leben gefüllt werden kann. Es geht um demokratische Diskussions- und Streitkultur. Und darum, wie die Beschäftigung mit Geschichte hilft, demokratische Prozesse heute zu verstehen und mitzugestalten. Damit die Tagung keine Eintagsfliege wird, gründet sich eine Arbeitsgruppe „Für Demokratie“. Die wird sich in diesem Jahr noch häufiger treffen und Pläne für konkrete Demokratiearbeit im nächsten Jahr schmieden.

Juli

Ende Juli kündigt Der SPD-Vorstand an, die Arbeit der Historischen Kommission der SPD und weitere Gesprächsforen aus Kostengründen einzustellen.Vielleicht hat Andrea Nahles gedacht, den Geschichtsfreaks, die sich um vergangenes Zeug kümmern, weint niemand eine Träne nach. Von wegen! Viele Historiker*innen solidarisieren sich. Medien greifen das Thema auf, werfen der Parteivorsitzenden Geschichtsvergessenheit vor. An ihrem Entschluss ändert das aber nichts. Immerhin: Die Website der Historischen Kommission gibt es noch. Dort steht auch der Satz: „Die Arbeit der Historischen Kommission beim SPD-Parteivorstand bleibt auch weiterhin auf diesen Internetseiten dokumentiert“. Auch noch 2019?

August

Ury Avnery stirbt am 20. August mit 94 Jahren in Tel Aviv. Er stammte aus Deutschland, floh 1933 mit seiner Familie nach Palästina. Er kämpfte in der Untergrundorganisation Irgun und im israelischen Unabhängigkeitskrieg. Ab 1993 wurde er als Gründer der israelischen Friedensinitiative „Gusch Schalom“ bekannter Friedensaktivist und umstrittener Kritiker israelischer Politik. Gemeinsam mit seiner Frau Rachel erhielt er 2001 den Alternativen Nobelpreis. Bis ins hohe Alter glaubte er, dass er eine Lösung des Nahost-Konfliktes noch erleben werde. Er hat sich leider geirrt.

September

Noch immer ist es ganz schön heiß in unseren neuen Räumen im 4. Stock. Wir sind dennoch fleißig und so geht unser Blog mit acht Artikeln online. Uns beschäftigen Erinnern und Nichterinnern in Prag, „Wutbürger“ in Chemnitz und Mutgeschichtensucher aus Herrenberg. Und natürlich die Frage: Liest uns eigentlich schon jemand?

Oktober

Wie kann ich mich vor Ort auf Spurensuche zur Demokratiegeschichte begeben? Nun geben wir Antworten und Anregungen in Form einer Handreichung „Lokale Spurensuche im Themenfeld Demokratiegeschichte“. 2.750 Exemplare haben wir drucken lassen. Wir verschicken sie eifrig, bieten unsere Hilfe in Workshops an und wünschen uns, dass die 94 Seiten nicht in Regalen verstauben, sondern benutzt werden. Downloaden kann man das Ganze natürlich auch.

November

Der Erinnerungsmonat des Jahres. Wir gedenken an die Pogromnacht vor 80 Jahren, aber erinnern auch an den Fall der Mauer vor 29 Jahren. Und in diesem Jahr besonders an die Matrosenaufstände des Jahres 1918, die dann zur Abdankung des Kaisers und zur Ausrufung der Republik führen. Auch wegen des Gedenkens an die Matrosenaufstände haben wir Kiel als Tagungsort für unsere diesjährige Mitgliederversammlung gewählt. A propos wählen, in Kiel wählen wir am 17. November auch unseren Vorstand. Prof. Dr. Bernd Faulenbach wird in seinem Amt als Vorsitzender bestätigt. Wir freuen uns auch über die Rede des Bundespräsidenten am 9. November, in der er eine Lanze für die Demokratiegeschichte bricht.

Dezember

Ein Jahr, in dem viel über Fake News gesprochen und geschrieben wurde, geht zu Ende. Und nun erschüttert uns noch ein Bericht über gefälschte Wahrheiten. Der preisgekrönte Spiegeljournalist Claas Relotius entpuppt sich als Märchenonkel. Er schilderte in vielen seinen Reportagen Orte, an denen er nie gewesen ist und Interviews, die nicht stattgefunden haben. Ich denke unwillkürlich: Auch das noch, keine Wahrheit nirgends. Aber auch in diesem Fall beruhigt der Blick in die Geschichte. Ich denke z.B. an die Hitlertagebücher, die das Magazin „Stern“ 1983 in Auszügen veröffentlichte und die sich schnell als Fälschung herausstellten. Lügenbarone und Fake News sind keine Erfindung de Jahres 2018. Sie gab es immer wieder und sie wird es auch im nächsten Jahr geben. Aber uns auch. Wir werden weiter echte Demokratiegeschichten erzählen, versprochen!

Allen Leser*innen wünschen wir einen guten Start ins NEUE JAHR

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Über uns 
Dennis R. arbeitet bei Gegen Vergessen - Für Demokratie e.V.

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