Demokratiegeschichten

Ein ungleiches Geschwisterpaar? – Elfriede Scholz und Erich Maria Remarque

Am 25. September 2020 jährt sich der Todestag des weltberühmten Autoren Erich Maria Remarque zum 50. Mal. Leser und Kritiker feierten und feiern ihn besonders für seine „Antikriegs-Literatur“. Er führte nach seinem internationalen Durchbruch mit „Im Westen nichts Neues“ zu großen Teilen ein glamouröses Leben in den Vereinigten Staaten. Für seine pazifistischen Bücher und Thesen feindete man Remarque auch an: Im Nationalsozialismus gehörten seine Werke zu denen, die verboten und verbrannt wurden. Diese Fakten sind bekannt. Was dagegen eher unbekannt ist: Remarques Schwester, Elfriede Scholz, wurde durch die Nationalsozialisten ermordet.

Kindheit und Jugend

Wer war Elfriede Scholz? Sie kam am 25. März 1903 als jüngstes von fünf Kindern mit dem Nachnamen „Remark“ zur Welt. Die Geschwister wuchsen in Osnabrück auf, wo die Familie Remark in einfachen Verhältnissen lebte. Während ihr Bruder Erich Remark plante, Lehrer zu werden, entschied Elfriede sich für eine Laufbahn als Schneiderin.

Von Osnabrück zog es Elfriede Remark erst nach Leipzig, dann nach Berlin und schließlich nach Dresden. Dort ließ sie sich mit einem eigenen Salon nieder. Ihr Bruder Erich wurde unterdessen 1916 für den Krieg eingezogen. Der Erste Weltkrieg tobte seit zwei Jahren in Europa. Erich Maria Remarque – wie er sich später umbenannte – erfuhr am eigenen Leib, wie leidvoll die Erfahrungen eines Krieges sind.

„Im Westen nichts Neues“ – Gegen den Krieg

Erich Maria Remarque im Jahr 1929, Quelle: Wikipedia.

Nachdem der Erste Weltkrieg beendet war, arbeitete Erich eine Zeit lang als Lehrer. Schlussendlich widmete er sich aber doch der Schriftstellerei. Zunächst blieb Remarque erfolglos. Erst mit „Im Westen nichts Neues“ landete der junge Autor einen Welterfolg. Kaum ein anderes Werk etablierte sich so schnell zu einem Antikriegsroman mit derartigem Zuspruch in der Gesellschaft. Viele Leser und Leserinnen waren den Krieg leid und mit ihm das Elend, das er gebracht hatte.

 „Ich dachte immer, jeder Mensch sei gegen den Krieg. Bis ich ‚rausfand, dass es welche gibt, die dafür sind. Besonders die, die nicht hineingehen müssen“

Erich Maria Remarque

Die Anfänge des Nationalsozialismus

Auch wenn ihre Lebensentwürfe sehr unterschiedlich waren – seine pazifistische Einstellung teilte Remarque mit seiner Schwester. Den Aufstieg der Nationalsozialisten in den zwanziger Jahren beäugte Elfriede Remark mit Argwohn und das nicht ohne Grund. Auch ihr Bruder war einer der Schriftsteller, die den Nationalsozialisten ein Dorn im Auge waren. Zusammen mit Werken von Erich Kästner, Bertold Brecht, Franz Kafka und vielen anderen wurden auch Remarques Bücher zunächst verboten und 1933 verbrannt.

Doch während ihr Bruder zum internationalen Star der Literatur aufstieg, musste Elfriede Remark sich durchkämpfen. Ihr Salon lief nur schlecht. Unterstützte Remarque sie zunächst noch finanziell, brach der Kontakt schließlich ab. Der Autor fühlte sich ausgenutzt und schämte sich, wie er später in seinen Tagebüchern schrieb, für seine Herkunft.

Der Mord an Elfriede Scholz

Elfriede Remark heiratete 1941 den Musiker Heinz Scholz. Sie konnte ihre Schneiderei etablieren und so der finanziellen Not entkommen. Doch eins blieb: Elfriede Scholz lehnte den Nationalsozialismus entschieden ab. Das teilte sie auch offen mit. Gegenüber einer Kundin sowie ihrer Vermieterin soll Scholz gesagt haben, dass der Krieg ohnehin verloren sei. Die Soldaten an der Front seien nichts weiter als „Schlachtvieh“.

1943 wurde Elfriede Scholz denunziert. Sie kam im Oktober vor den „Volksgerichtshof“. Dass sie von den Einstellungen ihres Bruders Erich geprägt war, verdeutlichte Elfriede Scholz vor Gericht bewusst. Schließlich verurteilt der vorsitzende Richter Roland Freisler sie wegen „Zersetzung der Wehrkraft“ und „Feindbegünstigung“ zum Tode. Freisler soll während der Verhandlung ausgerufen haben:

„Ihr Bruder ist uns leider entwischt – Sie aber werden uns nicht entwischen.“

Roland Freisler, vorsitzender Richter, der Elfriede Scholz verurteilte.

Für die Menschlichkeit!

Die Vollstreckung des Urteils erfolgte am 16. Dezember 1943 in Berlin Plötzensee durch das Fallbeil. Erich Maria Remarque, der im Exil lebte, erfuhr vom Mord an seiner Schwester erst im Jahr 1946. Die Frage, ob er seiner Schwester hätte helfen können, quälte ihn für den Rest seines Lebens. Erst 1998 – fast dreißig Jahre nach Remarques Tod – wurde das Urteil über Elfriede Scholz für unrechtmäßig erklärt.

Erich Maria Remarque widmete seiner Schwester Elfriede Scholz das Buch „Der Funke Leben“. Darin legte er dem Protagonisten folgende Worte in den Mund, die seiner Schwester verwehrt blieben und schließlich ihr Leben so verfrüht enden ließen.

„Für Menschlichkeit, Toleranz und das Recht des Einzelnen auf eine eigene Meinung.“


Erich Maria Remarque – „Der Funke Leben“
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Über uns 
Michèle ist Studentin der Geschichtswissenschaften M.A. an der Humboldt-Universität Berlin und arbeitet bei Gegen Vergessen - Für Demokratie e.V.

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