Demokratiegeschichten

Flaggenkampf in der Weimarer Republik

Die junge Demokratie der Weimarer Republik war von ihrer Geburt bis zu ihrem Untergang ein Kampfplatz widerstreitender Gruppen und Ideologien. Besonders verbittert wurde um Symbole gestritten, so etwa um die Farben der Reichsflagge. Die demokratischen Kräfte assozierten Schwarz-Rot-Gold mit dem republikanischen Aufbruch. Dementgegen sehnten sich die monarchistischen und völkischen Gruppierungen nach den Farben des alten deutschen Reichs zurück, nach Schwarz-Weiß-Rot.

Emotionsgeladener Symbolkampf

In dieser ideologischen Konfrontation waren die Emotionen geladen, eine rationale Diskussion war so gut wie unmöglich. Hatte man nicht gerade erst seine Gefallenen unter der schwarz-weiß-roten Flagge beerdigt? Sollte ihr Leiden und Sterben umsonst gewesen sein? Durfte man jetzt wie Feiglinge die Flagge wechseln?

Bundesflagge und Handelsflagge des Norddeutschen Bundes (1866-1871) und Reichsflagge des Deutschen Reiches (1871-1918)

Demgegenüber: Hatte nicht all das, wofür die alte Reichsfahne stand, die Schrecken des Krieges erst hervorgebracht? Musste man nicht gerade jetzt den demokratischen Neuanfang wagen? Und die Rückbesinnung auf die demokratischen Farben Schwarz-Rot-Gold, die schon die Revolutionäre von 1848 gehisst hatten?

Schwarz-rot-goldene Flagge der Weimarer Republik (1919-1933) und der Bundesrepublik Deutschland (ab 1949)

Reich versus Republik

Hier standen also Reich und Monarchie gegen Republik und Demokratie.

Nationalistische und völkische Gruppierungen jedweder Couleur marschierten mit den schwarz-weiß-roten Flaggen auf. Besonders die Kriegsmarine zeigte sich anfällig, daneben beherrschten diverse Freikorps und völkischeKameradschaften das Bild.

„Schwarz-Rot-Senf“ – so verunglimpften rechts-völkische und monarchistische SympathisantInnen die Farben der deutschen Republik. Als Symbol der verhassten Republik wurde die Flagge zum Feindbild der Antidemokraten. Und damit auch die, die sie verteidigten.

Verteidigung der Demokratie

Im Vergleich zu der reaktionären Inbrunst der Rückwärtsgewandten wirkte die Positionierung der Demokraten hingegen zurückhaltend. Zwar trat man für Schwarz-Rot-Gold ein, vermochte aber häufig wesentlich weniger emotionale Energie aufzubringen. Der durchschnittliche Demokrat blieb in der Beziehung zu seinen eigenen demokratischen Symbolen nicht selten kühl und abgeklärt.

Eine beachtliche Ausnahme stellte das „Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold“ dar, ein politischer Wehrverband, der ab 1924 zum Schutz der Weimarer Demokratie antrat. Über die Jahre gewann er eine bedeutende Anzahl an Mitgliedern, die den Verächtern der Demokratie etwas entgegenzusetzen vermochten. Dabei stellten sie sich bewusst in die demokratische Tradition der Revolution von 1848.

Reichsbanner Schwar-Rot-Gold; Quelle: Darthbond007, https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Logo_Reichsbanner_2013.jpg

Ihr mutiges Bekenntnis zur Demokratie und ihren Fahnen brachte die Reichsbanner-Mitglieder zunehmend in Gefahr. Die Gewalt auf den Straßen der Weimarer Republik eskalierte zusehends. Schon in den 1920er Jahren lieferten sie sich regelrechte Straßenschlachten, z. B. mit Angehörigen der SA und des Stahlhelms. Der Flaggenkampf und die Verteidigung der Demokratie forderten so bereits vor der Machtübernahme der Nationalsozialisten Tote.

Die Symbole der Demokratie verteidigen!

Am Ende scheiterte der Kampf für die demokratischen Flaggenfarben. Schwarz-Rot-Gold wurde kurzfristig durch Schwarz-Weiß-Rot, dann endgültig durch das Hakenkreuz abgelöst. Zum 30. Januar 1933, dem Tag der Machtergreifung der Nationalsozialisten, brannten landesweit schwarz-rot-goldene Flaggen. (Flaggen verbrennen kennen wir übrigens auch aus neuerer Zeit: Türkische, israelische, amerikanische, europäische Flaggen – sie alle werden mit erschreckender Regelmäßigkeit angezündet.)

Zeitungsbericht zur Flaggenverbrennung in Bonrhöved aus dem Segeberger Kreis- und Tagesblatt vom 14.03.1933; Foto: Archiv Bornhöved

Umso mehr, so ließe sich sagen, kann man aus den Jahren der ersten deutschen Republik lernen, wie wichtig es ist, die Symbole der Freiheit und Demokratie selbstbewusst zu verteidigen. Eine Lehre für die heutige Zeit könnte lauten: Man muss solche Symbole offensiv besetzen und mit der emotionalen Bindung an sie nicht geizen. Die Feinde der Demokratie tun es mit ihren Symbolen schließlich auch nicht.

Einfach mal Flagge zeigen?

Andererseits: Ganz so einfach ist es mit dem Flaggezeigen dann doch nicht. Gerade weil Flaggen weiterhin hoch emotionale Symbole sind. Und insbesondere die schwarz-rot-goldene Flagge ist auch mit negativen Emotionen verbunden. Da hilft es im veränderten Kontext von heute nicht, nur rational zu argumentieren, dass sie für Freiheit und Demokratie steht.

Schwarz-rot-goldene Flaggen sah man lange Zeit vornehmlich auf Neonazi-Aufmärschen. Oder in neuerer Zeit bei Pegida. Auf Demonstrationen für eine offene Gesellschaft – beispielsweise #Unteilbar – sind sie nicht gerne gesehen. Hier werden sie mitunter als Symbole für Ausgrenzung und überschwänglichen Patriotismus wahrgenommen. Gerade für linke Kreise war – und ist – Schwarz-Rot-Gold weiterhin ein rotes Tuch. Da werden auch mal drastische Maßnahmen gegen Fahnenmeere wie bei der WM 2006 gezogen.

Flagge zeigen, Farbe bekennen: Dazu gehören Mut und Vertrauen. Mut, Position zu zeigen sowie sich auf Diskussionen einzulassen. Außerdem Vertrauen in die eigenen Ideale und die, für die die Flagge steht. Allerdings verschieben sich mit den historischen Kontexten auch die Bedeutungen von Symbolen. So unschuldig wie in den 1920er Jahren wird die Schwarz-Rot-Goldene Fahne nie mehr sein können. Was am Ende zählt, ist der Mut der Demokratinnen und Demokraten, die die Flagge hissen. Nicht die Flagge selbst.

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