Demokratiegeschichten

Marie Juchacz über die Selbstverständlichkeit

Meine Herren und Damen!

Heiterkeit im Saal. Schon bevor Marie Juchacz zum inhaltlichen Teil ihrer Rede übergeht, schreibt sie Geschichte. Denn am 19. Februar 1919 hält sie als erste Parlamentarierin eine Rede (Audio) vor der Nationalversammlung. Möglich ist dies, da 1919 Frauen zum ersten Mal das aktive und passive Wahlrecht ausüben dürfen. Zwar nennt Juchacz die Herren noch zuerst, vertritt ihre Position als Frau in der Regierung aber durchaus selbstbewusst:

Ich möchte hier feststellen (…), daß wir deutschen Frauen dieser Regierung nicht etwa in dem althergebrachten Sinne Dank schuldig sind. Was diese Regierung getan hat, das war eine Selbstverständlichkeit: sie hat den Frauen gegeben, was ihnen bis dahin zu Unrecht vorenthalten worden ist.

Marie Juchacz ungewöhnliches Leben

Marie Juchacz ist keine Unbekannte auf der politischen Bühne. Seit Frauen politisch agieren dürfen – 1908 – ist sie für die SPD aktiv. Schon vorher hielt sie Reden auf Frauenversammlungen und engagierte sich in Bildungsvereinen und Leseabenden. Als solche tarnten sich politische Versammlungen von Frauen in jener Zeit.

Auch ihr Privatleben ist für damalige Verhältnisse ungewöhnlich. Sie ließ sich von ihrem Mann scheiden und zog gemeinsam mit ihren Kindern und ihrer Schwester Elisabeth nach Berlin. Die Großstadt Berlin ist für Juchacz gleichbedeutend mit Freiheit und Weltoffenheit. Und die Chance, sich endlich politisch zu finden und zu engagieren. Dort konnten die Frauen in Heimarbeit tagsüber ihren Unterhalt verdienen und hatten danach die Möglichkeit, an politischen Versammlungen teilzunehmen.

Die Anstrengungen lohnen sich: 1917 wird Juchacz Frauensekretärin im Zentralen Parteivorstand der SPD. Gleichzeitig übernimmt sie die Redaktionsleitung der Frauenzeitung Die Gleichheit. 1919 zieht sie als eine von 37 weiblichen Abgeordneten in den Bundestag ein – gemeinsam mit ihrer Schwester.

Marie Juchacz Erbe

Marie Juchacz war klar, dass mit dem Wahlrecht für Frauen nicht alles erreicht war:

Wir Frauen sind uns sehr bewußt, daß in zivilrechtlicher wie auch in wirtschaftlicher Beziehung die Frauen noch lange nicht die Gleichberechtigten sind. Wir wissen, daß hier noch mit sehr vielen Dingen der Vergangenheit aufzuräumen ist, die nicht von heute auf morgen aus der Welt zu schaffen sind. 

Vergebens protestierte sie gegen das einschränkende „grundsätzlich“ in Artikel 109 der neuen Verfassung. „Männer und Frauen haben grundsätzlich dieselben staatsbürgerlichen Rechte und Pflichten,“ hieß es dort.

Juchacz politischer Schwerpunkt lag in der Sozialpolitik. Besonders kümmerte sie die Notlage und das Fürsorgebedürfnis von Müttern. Bis 1933 war sie Mitglied des Reichstages, dann floh sie vor dem NS-Terror ins Ausland. Heute ist der Saal, in dem die SPD-Fraktion im Reichstagsgebäude tagt, nach ihr benannt.

Im Gedächtnis geblieben ist Marie Juchacz aber vor allem durch die Gründung der Arbeiterwohlfahrt (AWO). Als Selbsthilfe der Arbeiterschaft wurde der Verein ab 1919 bekannt. Ziel war und ist es, sozialen Notständen entgegenzuwirken. Während der Zeit des Nationalsozialismus aufgelöst, wurde er nach dem Krieg – abermals unter Mithilfe von Juchacz – neu aufgebaut. Heute umfasst er wieder über 200.000 Mitarbeiter*innen.

2017 weihte die AWO ein Denkmal für Marie Juchacz am Mehringplatz in Berlin-Kreuzberg ein. Bis 1933 befand sich in der Nähe die Zentrale der Arbeiterwohlfahrt. Was Marie Juchacz wohl sagen würde, wenn sie heute an ihrem Konterfei vorbei ginge?

Artikel Drucken
Über uns 
Annalena B. arbeitet bei Gegen Vergessen - Für Demokratie e.V.

0 Kommentare

Kommentar schreiben

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.