Ein Angriff auf queere Menschen
Am vergangenen Samstag, den 25. Juli 2026, gab es einen Anschlag auf den Christopher Street Day (CSD) in Berlin, er richtete sich gegen queere Menschen.
Dieser Anschlag macht erneut deutlich, dass queerfeindliche Gewalt keine Erscheinung der Vergangenheit ist. Seit Jahren berichten queere Menschen von zunehmender Hetze, Diskriminierung und gewaltsamen Angriffen.
Die Geschichte der queeren Bewegung macht deutlich, dass Rechte nicht vom Himmel fallen, sondern dass Menschen sie erkämpft haben. Ein Beispiel dafür ist der erste Berliner CSD im Jahr 1979. Seine Geschichte zeigt, dass queerer Protest auch Teil der Demokratiegeschichte ist.
„Schafft ein, zwei, drei, ganz viele Stonewalls“
Am 30. Juni 1979 fand der erste CSD in Berlin statt, unter dem Motto „Schafft ein, zwei, drei, ganz viele Stonewalls“.
Der Name geht auf ein Ereignis in New York zurück. Zehn Jahre zuvor, 1969, wehrten sich Gäste der Bar Stonewall gegen eine Polizei-Razzia. Unter ihnen waren insbesondere Schwarze trans Frauen sowie viele obdachlose queere Jugendliche, die den Widerstand maßgeblich mittrugen. Aus diesen sogenannten Stonewall-Aufständen wurde ein weltweites Symbol für den Widerstand gegen Diskriminierung und staatliche Kontrolle.
Die Idee, an dieses Ereignis mit einem eigenen CSD zu erinnern, brachte der Aktivist Andreas Pareik aus New York mit nach Deutschland. In West-Berlin griff eine Gruppe rund um Bernd Gaiser sie auf und organisierte sich im SchwuZ, einem Treffpunkt der queeren Szene.
Ein Protest gegen das Unsichtbar-Sein
Der erste Berliner CSD war ein bunter, fröhlicher Umzug, der vom Savignyplatz Richtung Halensee führte. Doch hinter der Fröhlichkeit stand eine politische Forderung.
1979 war Homosexualität in Deutschland stark tabuisiert. Der Paragraf 175 stellte sexuelle Handlungen zwischen Männern weiterhin unter Strafe. Zwar hatte eine Reform die Verfolgung 1969 eingeschränkt, trotzdem prägte der Paragraf weiter das Leben schwuler Männer.
Für viele bedeutete ein Coming-out weiterhin ein hohes Risiko. Gesellschaftliche Ablehnung, Benachteiligung im Berufsleben bishin zu konkreter Gewalt waren für viele reale Folgen.
Der CSD setzte dieser erzwungenen Unsichtbarkeit etwas entgegen: öffentliche Sichtbarkeit.
Die Teilnehmenden gingen bewusst auf die Straße. Im Demonstrationsaufruf hieß es: „Wir gehen auf die Straße als das, was wir sind und was wir gerne sein möchten.“
Dieser Satz bringt bis heute einen zentralen Gedanken zum Ausdruck. Sichtbarkeit ist mehr als eine persönliche Entscheidung, sie kann eine politische Forderung nach Anerkennung, Teilhabe und gleichen Rechten sein.
Warum Protest zur Demokratie gehört
Demokratie zeigt sich nicht nur in Parlamenten oder bei Wahlen. Sie entsteht insbesondere dort, wo Menschen ihre Interessen öffentlich vertreten und für ihre Rechte eintreten.
Protest ist eine zentrale Form politischer Teilhabe, speziell für Gruppen, deren Stimmen ausgegrenzt werden.
Viele queere Menschen mussten zunächst sichtbar werden, um überhaupt gesellschaftlich wahrgenommen zu werden. Deshalb ist queerer Protest nicht nur Teil der Geschichte der LGBTQ+-Bewegung, sondern auch Teil der globalen Demokratiegeschichte.
Von 450 Menschen zu einer großen Bewegung
Niemand konnte 1979 ahnen, dass aus diesem ersten Umzug einmal eine der größten Demonstrationen Berlins werden würde.
Mitbegründer Bernd Gaiser erinnerte sich später:
„Wir waren ziemlich nervös vor dem ersten Christopher Street Day in Berlin. Nicht, weil wir uns Sorgen machten, die Polizei könnte uns drangsalieren. […] Wir waren nervös, weil wir nicht wussten, ob überhaupt jemand kommt.“
Es kamen 450 Menschen, und damit legten sie den Grundstein für eine Bewegung, die viele Generationen prägen sollte.
Erkämpfte Rechte sind keine Selbstverständlichkeit
Seit 1979 hat sich viel verändert. 1994 wurde der Paragraf 175 endgültig abgeschafft, und queere Menschen haben heute mehr rechtliche Anerkennung als damals.
Doch rechtlicher Fortschritt bedeutet nicht automatisch gesellschaftliche Gleichstellung.
Viele queere Menschen erleben weiterhin Diskriminierung und Gewalt, und Studien zeigen, dass ein großer Teil queerfeindlicher Übergriffe gar nicht erst gemeldet wird, aus Angst, nicht ernst genommen zu werden.
Die Geschichte des CSD erinnert deshalb daran, dass demokratische Errungenschaften sich nicht von allein schützen. Sie müssen immer wieder aufs Neue verteidigt werden.
Solidarität heißt Zusammenhalt
Queerfeindliche Angriffe zeigen, wie wichtig es ist, dass Solidarität nicht gegen andere ausgespielt wird.
Rechtspopulistische, aber auch konservative Stimmen behaupten immer wieder, queere Menschen ließen sich vor allem durch eine strengere Migrationspolitik schützen.
Die Geschichte zeigt das Gegenteil, verschiedene Kämpfe für Gleichberechtigung hängen zusammen und schwächen sich nicht gegenseitig, sondern stärken sich.
Protest gehört zum Kern der Demokratiegeschichte
Der CSD ist kein Fest einer bereits erreichten Gleichberechtigung. Er ist ein Protest gegen Ausgrenzung und ein öffentlicher Anspruch auf gleiche Rechte.
Demokratie lebt davon, dass Menschen sichtbar werden, sich zusammenschließen und ihre Rechte einfordern. Protest ist deshalb kein Randthema der Demokratiegeschichte, sondern ein Teil ihres Kerns.
Solidarität bedeutet mehr als Zustimmung. Sie zeigt sich dort, wo Menschen widersprechen, wenn Menschen diskriminiert werden, wo sie Betroffene unterstützen und wo sie gemeinsam für demokratische Rechte einstehen. Und das gilt für die Ausgrenzung aller Personengruppen.
Literatur:
ProteQt e.V. – Weil queere Leben zählen. Schutz vor Gewalt ist ein Menschenrecht
https://gegen-vergessen.de/wp-content/uploads/2025/09/GVFD_Protestgeschichte_web.pdf
Amadeu-Antonio-Stiftung_Sicherheitsreport-2025.pdf


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