Demokratiegeschichten

Schwerter zu Pflugscharen – 19.11.1980: Ende der ersten Friedensdekade

Ausgerechnet ein sowjetisches Bildmotiv verbunden mit einem Bibelzitat wird zum Symbol der Friedensbewegung der DDR. „Schwerter zu Pflugscharen“ – um einen Zufall handelt es sich hierbei allerdings nicht.

Warum „Schwerter zu Pflugscharen“ ?

Das Motiv, das sich ab 1980 auf Lesezeichen, Aufnähern, Plakaten etc. fand, geht auf eine Bronze-Skulptur des russischen Bildhauers Jewgeni Wiktorowith Wutschetisch zurück. Zu sehen ist ein Mann, der ein Schwert zu einem Pflug umschmiedet. Das Werk trägt den Titel „Let us beat our swords into plowshares“. Auf deutsch heißt das „Lasst uns unsere Schwerter zu Pflugscharen schmieden“. Dies ist eine Referenz auf das alte Testament, in dem sich das Motiv an mehreren Stellen findet. So etwa im Buch Micha:

Er wird unter vielen Völkern richten und mächtige Nationen zurechtweisen in fernen Landen. Sie werden ihre Schwerter zu Pflugscharen machen und ihre Spieße zu Sicheln. Es wird kein Volk wider das andere das Schwert erheben, und sie werden hinfort nicht mehr lernen, Krieg zu führen. 

Micha 4,3

Die Skulptur symbolisiert demnach Verheißung und Sehnsucht nach Frieden zugleich.

1959 schenkte die Sowjetunion die Skulptur der UNO. Seitdem steht sie im Garten des UNO-Hauptgebäudes in New York, erinnern sollte sie an die Friedensziele der UN-Charta. Und sicherlich auch den Anspruch der Sowjetunion als Friedensmacht darstellen. Bekanntheit erhielt die Skulptur insbesondere über ihre Darstellung auf Briefmarken der Sowjetunion und Ungarns. Auch in DDR-Geschichtsbüchern wurde sie abgebildet. Als Symbol der Friedensbewegung tauchte sie zum ersten Mal in der ersten Friedensdekade 1980 auf.

Politischer Hintergrund der ersten Friedensdekade

Für das Entstehen der Friedensbewegung in der DDR und die Organisation der ersten Friedensdekade gab es mehrere Gründe. Entscheidend war die Stationierung von Mittelstreckenraketen in den zwei deutschen Staaten 1979. Dies führte auf beiden Seiten, insbesondere in Kirchenkreisen zu Protest. Außerdem führte die SED 1978 das Fach „Wehrerziehung“ in Schulen ein. Dagegen legte der Bund der Evangelischen Kirchen in der DDR erfolglos Widerspruch ein. Er sah die zunehmende Militarisierung und die Friedenssicherung durch Aufrüstung als unvereinbar mit christlichen Werten. Aktive Christ*innen in der DDR fanden sich zunehmend in der Opposition zum Staat.

Umsetzung der ersten Friedensdekade

Die Anregung zur Friedensdekade kam aus der ökumenischen Jugendarbeit. 1980 nahmen Kirchen in der DDR und der BRD die Idee auf: Die 10 Tage vor dem Buß- und Bettag sollten für die Friedensarbeit genutzt werden. Von Anfang an waren Organisator*innen in West und Ost miteinander in Kontakt und tauschten Ideen und Material aus. Aber während die Gruppen in der BRD unbehelligt arbeiteten, mussten Arbeitstreffen in der DDR heimlich in Privatwohnungen stattfinden. Die Stasi hatte versucht, die Treffen zu überwachen.

Trotzdem schafften es in der DDR die Arbeitsgemeinschaft Christlicher Jugend (AGCJ) und die Kommission für Kirchliche Jugendarbeit (KKJ) des Bundes der Evangelischen Kirchen in der DDR Materialien für die Friedensdekade zu erarbeiten. Vom 9. bis 19. November 1980 fanden DDR-weit Gottesdienste, Diskussionsveranstaltungen, Gesprächsrunden und weitere Veranstaltungen in den Gemeinden statt.

Entwicklung und Politisierung des Symbols

Als Lesezeichen lag „Schwerter zu Pflugscharen“ an verschiedenen Orten in der DDR den Einladungen zum Abschlussgottesdienst am Buß- und Bettag bei. Gedruckt wurde es übrigens auf Vliesstoff. Als „Textiloberflächenveredlung“ braucht es nämlich keine staatliche Druckgenehmigung.

Die hätte die DDR vermutlich nicht erteilt. Denn von Beginn an lag dem Symbol und der Friedensbewegung etwas politisches, sogar staatskritisches inne. Kritik an der zunehmenden Militarisierung passte nicht ins Staatsbild. Dafür verbanden die Friedensbewegung in Ost und West gemeinsame Symbole und parallel verlaufende Veranstaltungen, sie ließ sich durch Staatentrennung nicht aufhalten.

Und letztlich drehten die Organisator*innen der Friedensbewegung in der DDR durch die Aneignung des Bildes die Rollenverhältnisse um. Nicht länger wurde die DDR als „Friedensmacht“ dargestellt, mit ihrer Einheit von Bevölkerung und Staat. Vielmehr verstanden sich nun die Menschen, die sich in den Kirchen trafen, um u. a. kritisch über die „Friedenspolitik“ zu diskutieren, als Aktive für den Frieden.

Plakat der Leipziger Nikolaikirche von 1982, mit dem damals wie heute zum Friedensgebet eingeladen wurde.

Verbot des Symbols in der DDR

Da es sich bei dem Bild um ein sowjetisches Denkmal handelte, tat sich die DDR mit einem Verbot zunächst schwer. So verbreitete sich das Symbol weiter: Der Landesjugendpfarrer von Sachsen, Harald Bretschneider, Entwickler des Symbols und ein Organisator der Friedensdekade, ließ 100.000 Aufnäher nachdrucken. Bald schon liefen Jugendaktivist*innen mit dem Aufnäher auf ihren Jacken durch die Straßen.

Auch während der zweiten Friedensdekade im November 1981 ließen die Veranstaltenden wieder Aufnäher mit „Schwerter zu Pflugscharen“ verteilen. Abermals 100.000 Stück.

Mit der zunehmenden Bekanntheit und Sichtbarkeit des Symbols nahm die Kritik von staatstreuen Bürger*innen zu. Sie sahen die Aufnäher als Zeichen von Opposition gegen die DDR und verlangten deren Entfernung.

Tatsächlich war „Schwerter zu Pflugscharen“ ein Symbol der Opposition und Friedensbewegung. Allerdings gelang es den Träger*innen und Vertreter*innen der Kirche eine Zeit lang, mit Verweis auf die sowjetische Herkunft des Symbols und offizielle DDR-Propaganda, ein Verbot abzuwenden.

Das Verbot kam dann doch noch im November 1981. „Wegen Missbrauchs dürfen diese Aufnäher in Schule und Öffentlichkeit nicht mehr getragen werden.“ Vorwürfe an die Träger*innen waren u. a. „Wehrkraftzersetzung“ und „Untergrabung der staatlichen Tätigkeit zum Schutz des Friedens“. Diejenigen, die die Aufnäher nicht abnahmen, erfuhren schwere Repressalien: Beschlagnahmung der Kleidung, Ausschluss aus Schulen, Nicht-Zulassung zum Abitur, Verweigerung von Studien- und Ausbildungsplätzen…

Ab 1982 wehrten sich einige Jugendliche kreativ. Auf ihre Jacken nähten sie einen runden weißen Fleck. Darauf schrieben sie: „Hier war ein Schmied.“

Am Ende war das Symbol durch das Verbot jedoch nicht. Es verband über Jahre die Friedensbewegung in West und Ost. Treffen der Friedensbewegung fanden in der DDR weiter statt, für viele Oppositionelle blieben die Kirchen ein Anlaufpunkt. Beide – Friedensbewegung und Kirche – spielten eine entscheidende Rolle in der friedlichen Revolution 1989.

https://de.m.wikipedia.org/wiki/Datei:Bundesarchiv_Bild_183-1990-0926-026,_Berlin,_Forderung_%22Schwerter_zu_Pflugscharen%22.jpg
20.9.1990 Berlin: Zwei Demonstrierende vor dem ehemaligen Zentralkomitee-Gebäude der SED. Dort soll über den Einigungsvertrag abgestimmt werden. Foto:
Bundesarchiv, Bild 183-1990-0926-026 / Grimm, Peer / CC-BY-SA 3.0; Lizenz
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Über uns 
Annalena B. arbeitet bei Gegen Vergessen - Für Demokratie e.V.

2 Kommentare

  1. Marie Anne Schlaberg

    19. November 2019 - 17:41
    Antworten

    Ich habe die Friedensdekaden der letzten Jahre der DDR in Wismar in unserer Marie- Georgen Gemeinde noch gut in Erinnerung. Wir standen im Halb Kreis am Altar in der NK. Mir, und sicher allen anderen auch, war die Teilnahme sehr wichtig, denn es war ein vom Staat nicht gewünschtes Bekenntnis. In den letzten Jahren besuchte uns zu der Friedens Dekade die Partnergemeinde aus Breda, so auch im Nov.1989 als die Grenze geöffnet wurde.

    • Annalena B.

      20. November 2019 - 9:39
      Antworten

      Vielen Dank für das Teilen dieser persönlichen Erinnerung!

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