Demokratiegeschichten

Von der sexuellen Revolution der 1960er Jahre zum Protest homosexueller Studierender am 29. April 1972 in Münster

Diese sogenannte sexuelle Revolution setzte etwa Mitte der 1960er Jahre in der damaligen Bundesrepublik ein. Sie erreichte im Zuge der Proteste der 68er-Studierendenbewegung Ende der 1960er Jahre einen vorläufigen Höhepunkt und hat das Empfinden und die Einstellung großer Bevölkerungskreise in sexuellen Fragen nachhaltig beeinflusst.

„Wer zweimal mit derselben pennt, gehört schon zum Establishment“

Mit diesem, seinerzeit bei den männlichen 68ern sehr beliebten Sponti-Spruch, wollten sie für sich reklamieren, in der Bundesrepublik unter dem Motto „freie Liebe“ Ende der 1960er Jahre diese sexuelle Revolution eingeleitet zu haben. Aber hatten sie das wirklich? Die Historikerin Christina von Hodenberg hegt an dieser Behauptung erhebliche Zweifel. Nach ihrer wissenschaftlichen Auswertung von Interviews, die schon Jahre früher mit Studierenden und mit Menschen im Alter zwischen 30 und 60 Jahren aus der Mittel- und Unterschicht im Raum Köln/Bonn aufgezeichnet wurden, kommt sie zu der Erkenntnis, dass eine sexuelle Revolution schon ab Mitte der 1960er Jahre eingesetzt hatte. Und zwar sei diese von Frauen ausgelöst worden, die sich gegen patriarchalisch geprägte Gesellschaftsstrukturen auflehnten. Auch gegen die von Männern dominierte 68-Bewegung.

Demnach befürworten schon zu diesem frühen Zeitpunkt eine Mehrzahl der Befragten einen freien Zugang zu Verhütungsmitteln, die Legalisierung vorehelicher sexueller Beziehungen, Sexualkundeunterricht in den Schulen, erotische Reportagen in Zeitschiften und  Pornofilme in Kinos. Diese neue Einstellung zu sexuellen Aspekten wurde noch befeuert durch die Aufklärungsfilme von Oswalt Kolle, die von Ende der 1960er bis in die 1970er Jahre sehr erfolgreich in den bundesdeutschen Kinos liefen und dem immer beliebter werdenden Versandhandel für sogenannte ‚Ehehygiene‘ von Beate Uhse.

Sexuelle Revolution nur für heterosexuelle Menschen?

Eine sexuelle Revolution hatte es ab der zweiten Hälfte der 1960er Jahre in der damaligen Bundesrepublik also zweifellos gegeben und sie hatte stark zur sexuellen Liberalisierung der Gesellschaft beigetragen. Aber galt diese neue Einstellung nur für Heterosexuelle, oder hatte sich durch sie auch etwas für Homosexuelle verändert? Um diese Frage beantworten zu können, ist ein kurzer Blick auf die politisch-juristische und gesellschaftliche Situation von Homosexuellen zu dieser Zeit hilfreich.

Der § 175 und die gesellschaftliche Ächtung von Homosexuellen

Nach der Gründung des Deutschen Kaiserreichs im Jahr 1871 wurde der § 175 erstmals am 1. Januar 1872 in das deutsche Strafgesetzbuch aufgenommen. Er lautete:

„Die widernatürliche Unzucht, welche zwischen Personen männlichen Geschlechts oder von Menschen mit Tieren begangen wird, ist mit Gefängnis zu bestrafen; auch kann auf Verlust der bürgerlichen Ehrenrechte erkannt werden.“

Dieser Wortlaut wurde nach dem Untergang des Deutschen Kaiserreichs von der Weimarer Republik 1918 nahtlos im Strafgesetzbuch übernommen. Auch die Nationalsozialisten behielten ihn ab 1933 zunächst unverändert bei, bis sie ihn 1935 durch Hinzufügungen erheblich verschärften. Ab 1949 übernahm die neu gegründete Bundesrepublik die nationalsozialistischen Bestimmungen des § 175 wortgleich in ihr neues Strafgesetzbuch und wendete diese auch rigoros an. Einwendungen von Betroffenen hiergegen wurden sowohl vom Bundesgerichtshof als auch vom Bundesverfassungsgericht in der Folgezeit immer wieder abgelehnt. Erst in den Jahren 1969 und 1973 kam es durch Strafrechtsänderungsgesetze zu einer Entschärfung des § 175. Er selbst blieb aber grundsätzlich bestehen. 1994 beschloss der Bundestag im nunmehr vereinten Deutschland  nach langen und zähen Verhandlungen, die endgültige Streichung des § 175 aus dem Strafgesetzbuch.

Aber neben diesem poltisch-juristischen Aspekt gab und gibt es einen weiteren, der die Situation von Homosexuellen, ihre Einschränkungen, Benachteiligungen und Ängste beschreibt: Den der gesellschaftlichen Ächtung und Diskriminierung. Diese gesellschaftliche Ausgrenzung von Homosexuellen soll in diesem Beitrag, obwohl es ein gesamtdeutsches Phänomen war und ist, am Beispiel von Münster dargestellt werden. Und zwar deshalb, weil zum einen der Verfasser in Münster lebt und zum anderen hier am 29. April 1972 die bundesweit erste Demonstration homosexueller Studierender stattgefunden hat.

Die Situation Homosexueller Anfang der 1970er Jahre am Beispiel Münsters

Münster galt Ende der 1960er und Anfang der 1970er Jahre allgemein als eher konservativ. Die katholische Kirche hatte hier noch einen größeren Einfluss als in vergleichbaren Städten. Die Proteste der 68er-Bewegung hatten in Münster nicht die Durchschlagskraft wie in anderen Universitätsstädten. Und dass, obwohl die Universität Münster schon damals eine der größten im Land war. Die Koexistenz von katholischer Kirche, die sich vehement gegen gleichgeschlechtliche Beziehungen aussprach, und einer mit absoluter Mehrheit regierenden CDU, die zu dieser Zeit einer Abschaffung des § 175 grundsätzlich ablehnend gegenüberstand, blieb natürlich nicht ohne Auswirkungen auf die Einstellung der Münsteraner Bevölkerung zum Thema Homosexualität. Obwohl man nicht sagen kann, dass sich diese grundsätzlich von der Einstellung breiter Bevölkerungsschichten in der Bundesrepublik zu dieser Zeit unterschied.

Münster war, so kann man ohne Übertreibung sagen, Anfang der 1970er Jahre nicht nur kein gutes Pflaster für homosexuelle Menschen. Sondern für diese musste es sich so angefühlt haben, als hätte es die oben beschriebene sexuelle Revolution gar nicht gegeben!

Die Gruppe Homophile Studenten Münster (HSM)

Und dass sich gerade in dieser homophoben Westfalenmetropole am 29. April 1971 nach Bochum die bundesweit zweite studentische Homosexuellengruppe Homophile Studenten Münster HSM (am 1. Januar 1972 in Aktionsgruppe Homosexualität Münster bei gleichem Kürzelumbenannt) gründete, muss schon als bemerkenswert bezeichnet werden. Initiator, Mitgründer und Frontmann dieser Gruppe war Rainer Plein.

Rainer Plein auf der Demo am 29. April 1972;
©Rosa Geschichten – schwul-lesbisches
Archiv Münster (im Stadtarchiv Münster)

Ihm schwebt vor, mit der HSM eine Integration von Homosexuellen in die bürgerliche Gesellschaft durchsetzen zu können. Darin unterscheidet er sich von anderen, insbesondere links orientierten studentischen Homosexuellengruppen. Diese glauben, oft inspiriert durch den Rosa von Praunheim-Film „Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation in der er lebt“, die Emanzipation von Homosexuellen nur mit der Überwindung des Kapitalismus erreichen zu können.

Rainer Plein wurde schnell nach der Gründung der HSM klar, dass die gesellschaftliche Diskriminierung von Homosexuellen, z.B. durch Berufsausübungsverbote für homosexuelle Lehrkräfte oder die Bildungspläne zur Sexualerziehung, nur durch Aktionen in der Öffentlichkeit abgebaut werden kann. Neben Infoständen in der Innenstadt dachte er hierbei auch an öffentliche Aufrüttelungsaktionen wie z.B. eine Demonstration.

Die Demonstration am 29. April 1972

Und als Zeitpunkt für eine solche Demonstration schien der einjährige Jahrestag der Gründung der HSM sehr geeignet. Hierfür gab Rainer Plein als Motto aus:

„Da wir mit Information allein nicht weiterkommen, müssen wir provozieren“

Reiner Plein beantragte die Genehmigung zur Demonstration bei Münsters zuständigem Polizeidirektor und erhielt sie einige Tage später. Die schnelle Genehmigung mag vielleicht auch für ihn überraschend gewesen sein, denn sie war zu dieser Zeit keine Selbstverständlichkeit. In sehr vielen Städten der Bundesrepublik wurde das Auftreten von Homosexuellengruppen bei Kundgebungen oder mit Infoständen in der Öffentlichkeit wegen der davon ausgehenden „sittlichen Gefahren“ untersagt. Als Thema der Demonstration gab er „Berufsverbote für homosexuelle Lehrer, Repressive Sexualerziehung auf den Schulen“ an.

Die Organisatoren und Rainer Plain wollten, dass diese Demonstration unbedingt friedlich  verlaufen soll. Worauf in der Einladung der HSM mit dem Hinweis „Es wird demonstriert und nicht demoliert“ dann auch mit Nachdruck aufmerksam gemacht wurde. Diese Aufforderung schien auch dringend nötig zu sein, da mit der Zahl der sich zur Demonstration anmeldenden Gruppen auch die Gefahr wuchs, dass sich darunter Gruppierungen befinden könnten, die, unter dem Einfluss des Rosa von Praunheim Films „Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation in der er lebt“ undder “Gay Pride-Bewegung“ aus Amerika, zur Gewalt bereit waren.

Martin Dannecker von der Rote Zelle Schwul aus Frankfurt mit einem provokanten Plakat; ©Rosa Geschichten – schwul-lesbisches Archiv Münster (im Stadtarchiv Münster)

Die Wahrnehmung der Demonstration in Münster

Dass die Demonstration, trotz des provokanten Auftretens insbesondere der Roten Zelle Schwul aus Frankfurt, die mit Parolen wie „Nieder mit dem Kapitalismus“, „Schwulsein macht Spaß“ oder „Brüder und Schwestern,  warm oder nicht, Kapitalismus bekämpfen ist unsere Pflicht“ auftraten, friedlich und ohne Zwischenfälle ablief, war letztlich den Münsteraner Bürger zu verdanken. Denn diese hatten die Demonstration entweder kaum oder nur irritiert wahrgenommen, sie ignoriert oder überrascht oder angewidert weggeschaut. Die vom Veranstalter gewünschte Provokation der Münsteraner Bevölkerung hatte jedenfalls nicht den gewünschten Erfolg. 

Von der Demonstration gibt es keine Fernsehaufnahmen. Erst im Nachhinein sendete der WDR einen Bericht, in dem Meinungen von Straßenpassanten zu dieser Homosexuellen-Demonstration veröffentlicht werden. Die Antworten lassen eine sehr deutliche Ablehnung von Homosexualität mit Forderungen wie „die Homosexuellen sollten wieder eingesperrt werden“ oder „unter Hitler wurden die alle erschossen“ oder „unter Adolf wär das nicht passiert“ oder gar „die sollten alle kastriert werden“ erkennen.

Die Frage, ob die Demonstration deshalb als gescheitert bezeichnet werden muss, kann nur zeitlich zweigeteilt beantwortet werden. Die oben gemachte Feststellung, dass es nur bedingte kurz- und mittelfristige Veränderungen durch die Münsteraner Demonstration gab, muss auf diesen engen Zeitraum eingeschränkt werden. Denn langfristig hat sie, sozusagen als Initialzündung, enorme Auswirkungen auf Veränderungen für die gesamte Homosexuellen-Bewegung.   

Was von der ersten Demonstration homosexueller Studierender aber als Erfolg verbucht werden muss, betrifft die Teilnehmenden selbst. Martin Dannecker von der Roten Zelle Schwul aus Frankfurt beschrieb dieses neue Selbstbewusstsein: 

„Und dadurch kam die Erfahrung, dieses Euphorische bei diesem Häuflein der Aufrechten, die in Münster mitgingen – es waren ja nicht furchtbar viele. Für die war das aber natürlich etwas Unglaubliches: Man zeigte sich zum ersten Mal erkennbar als schwul, machte schwule Forderungen – und fühlte sich hinterher besser.

Auswirkungen der sexuellen Revolution auf Homosexuelle

Weder die sexuelle Revolution der 1960er Jahre noch die Demonstration im April 1972  hatte also kurz- oder mittelfristig zu einer Verbesserung der Situation von Homosexuellen geführt. Sowohl politisch-rechtlich als auch in der gesellschaftlichen Anerkennung standen sie weiterhin im Abseits. Hieran sollte sich erst in den 1990er Jahren nach der Streichung des § 175 aus dem Strafgesetzbuch und mit dem Aufkommen einer offenen queeren community langsam etwas ändern.


Dieser Blogbeitrag basiert auf einer Arbeit, die unter dem Titel „Proteste homosexueller Studierender in Münster – Eine Untersuchung am Beispiel der bundesweit ersten Homosexuellen-Demonstration am 29. April 1972 in Münster“ verfasst wurde. Sie entstand im Seminar Forschendes Lernen zum Thema „Protestgeschichte(n) in Westfalen im 20. Jahrhundert“ im Rahmen des Studiums im Alter an der Universität Münster. Der komplette Aufsatz findet sich hier auf der Publikationsseite der Universität Münster.

Norbert Schäfers ist Diplom Betriebswirt im Ruhestand, lebt in Münster und ist 72 Jahre alt.

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