Demokratiegeschichten

Was tun mit Andersdenkenden?

Heute vor 100 Jahren wurden Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht ermordet. Beide waren Gründungsmitglieder des Spartakusbundes und der Kommunistischen Partei Deutschlands. Während des Januaraufstands 1919 beteiligten sich diese Gruppen an dem Versuch, die Übergangsregierung von Reichskanzler Friedrich Ebert zu stürzen. Als das misslang, wurden Liebknecht und Luxemburg zur Fahndung ausgeschrieben. Am Abends des 15. Januar verhaftete man sie, Soldaten eines Freikorps töteten sie noch am selben Tag.

Andersdenkend

Weder Rosa Luxemburg noch Karl Liebknecht glaubten an die Zukunft der parlamentarischen Demokratie. Als Kommunist*innen forderten sie die Herrschaft des Proletariats, also der Arbeiterklasse. Um die noch junge Demokratie zu stürzen, rief Liebknecht sogar zur Bewaffnung auf. Die Aufständischen besetzten mehrere Berliner Zeitungshäuser und es kam zu gewaltsamen Auseinandersetzungen mit Polizei und politischen Gegner*innen.

Die Fahndung nach Luxemburg und Liebknecht kann ich nachvollziehen. Sicherlich wäre insbesondere in Liebknechts Fall auch eine Verhaftung wegen des Aufrufs zu Gewalt oder Straftaten möglich gewesen. Völlig unverständlich ist jedoch, dass und wie Luxemburg und Liebknecht zu Tode kamen.

Den Befehl zum Doppelmord gab Hauptmann Pabst, der später behauptete, den Befehl von Gustav Noske oder von Ebert erhalten zu haben. Noch Jahrzehnte später hielt sich das Gerücht, Politiker der SPD hätten den Befehl zum Doppelmord gegeben. Und tatsächlich ist der Tatverlauf heute größtenteils aufgeklärt, aber die Frage der Verantwortung nicht einwandfrei beantwortet.

Unabhängig davon, wer verantwortlich war: Tatsache ist, dass zwei Menschen gewaltsam starben. Und egal, wie sehr sich Liebknecht und Luxemburg gegen die junge Republik stellten: In einer Demokratie darf willkürliche Gewalt kein Mittel sein, auch nicht gegen politische Gegner*innen.

Natürlich war die Weimarer Republik noch instabil und anfällig. Und sicherlich waren auch Luxemburg und Liebknecht nicht unschuldig an der Gewalt, die an diesen Tagen auf den Straßen herrschte. Aber all diese Umstände rechtfertigen nicht das Unrecht, das den zwei Andersdenkenden am 15. Januar geschah.

Und die Moral aus der Geschicht’…?

Obwohl sie selber keine überzeugten Demokrat*innen waren, sind Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht doch Teil der Demokratiegeschichte. Und für viele Menschen wichtige Identifikationsfiguren. Es scheint, als hätte ihr Tod die beiden zu Märtyrern gemacht.

Es wäre an dieser Stelle zu viel, ihre zahlreichen Leistungen aufzuzählen. Nur zwei Beispiele: Liebknecht sprach sich als einer der wenigen Politiker – und als einziger Abgeordneter der SPD – gegen den Krieg aus. Luxemburg verfasste bedeutende Schriften über die Theorien des Sozialismus und des Kapitalismus.

Was aber auch nicht vergessen werden darf – vor allem nicht an ihrem 100. Todestag: Beide Personen waren und sind auch Instrumente politischer Propaganda. Ein Beispiel hierfür ist die Liebknecht-Luxemburg-Demonstration, die seit 1919 mit unterschiedlichem Programm praktiziert wird.

Ich möchte niemandem ihre oder seine Held*innen absprechen. Wenn jemand Luxemburg oder Liebknecht als Vorbild hinstellen will, meinetwegen. Da gibt es meiner Meinung nach wesentlich schlechtere Beispiele. Und für Demokrat*innen gibt es gute Gründe, sich heute 100 Jahre zurückzudenken. In Gedenken an Luxemburg und Liebknecht und daran, dass Demokratie versagt hat.

Ich möchte aber darauf hinweisen, dass Gedenken den Personen gerecht werden sollte. Und das bedeutet zum Beispiel, Personen nicht zu verklären. Neben den tatsächlichen Leistungen, die beide erbracht haben, wird ihnen vieles auch nur zugeschrieben. Dazu gehört unter anderem dieses Zitat von Rosa Luxemburg:

Freiheit ist immer die Freiheit des Andersdenkenden.

Ein sehr schöner Spruch, der tatsächlich von Luxemburg stammt. Allerdings bezieht sich ihr Andersdenkende auf Kommunist*innen/Sozialist*innen unter der Herrschaft der Bolschewiki. Nicht nur parteitreue Kommunist*innen sollten toleriert werden, sondern auch solche mit anderer Auslegung. Demokrat*innen und Vertreter*innen anderer politischer Systeme meinte Luxemburg nicht.

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Über uns 
Annalena B. arbeitet bei Gegen Vergessen - Für Demokratie e.V.

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