Demokratiegeschichten

10.01.1918: Telegramm aus der Bremer Räterepublik

Friedrich Ebert findet einfach keine Ruhe: In wenigen Tagen soll die Wahl zur Weimarer Nationalversammlung stattfinden. Doch seit dem 5. Januar tobt in Berlin der sogenannte Spartakusaufstand, dessen Teilnehmende die Wahl verhindern wollen. Und jetzt erreicht ihn auch noch ein Telegramm, das seine Regierung zum Rücktritt auffordert. Der Absender? Vertreter der Bremer Räterepublik.

Ausgerechnet Bremen. 14 Jahre lang lebte Ebert in der Stadt, setzte sich für die Gewerkschaften ein und war Fraktionsvorsitzender der Sozialdemokraten in der Bürgerschaft. Was war dort vorgefallen, dass sich die Politiker der Hansestadt nun gegen die Reichsregierung wandten?

Bremen in der November-Revolution

Genau wie zuvor in Wilhelmshaven und Kiel verweigerten am 6. November Matrosen aus Bremen den Befehl zum Kampfeinsatz. Stattdessen zogen sie zur AG Weser (Aktien-Gesellschaft Weser), einer Schiffswerft in Bremen-Gröpelingen. Dort forderten sie die Werftarbeiter auf, sich ihnen anzuschließen. Anschließend besetzten Matrosen, Arbeiter und Soldaten des Heeres gemeinsam das Bremer Rathaus. Am Nachmittag verkündete der USPD-Politiker Adam Frasunkiewcz vom Balkon desselben die Bildung eines Arbeiter- und Soldatenrates.

Offiziell trat die Machtübernahme jedoch erst am 15. November in Kraft. Symbolisch hissten die Revolutionäre eine rote Fahne. Praktisch zeigte sich die Machtübernahme in der Ablösung des Senats als bestimmende Gewalt durch den Arbeiter- und Soldatenrat. Die Senatsmitglieder wurden verpflichtet, dem Rat Bericht über ihre Tätigkeiten zu erstatten. Mit dem Kriegsende kam so die Revolution auch nach Bremen. An den regionalen Abläufen in der Politik änderte sich jedoch zunächst wenig. Senat und Bürgerschaft bestanden weiterhin, der Arbeiter- und Soldatenrat stieß quasi als ein zusätzliches politisches Organ hinzu. Die Situation änderte sich erst mit Beginn 1919.

Die Rückkehr der Infanterie

Wesentlichen Einfluss auf die nachfolgenden Ereignisse hatte die Rückkehr des Infanterieregiments „Bremen“ Nr. 75 am Neujahrstag 1919. Der Befehlshaber der Truppe Walter Caspari hatte vor der Rückkehr u. a. die Wiedereinsetzung des Senats und den freien Einzug seines Regiments in die Kaserne verlangt. Die Revolutionäre hatten dem zugestimmt. Als die Soldaten am ersten Januar in die Stadt einzogen, wurden sie von Senat und Bürgerschaft mit Begeisterung begrüßt. Einige erhofften sich von ihnen die Befreiung vom Arbeiter- und Soldatenrat.

Statt die Soldaten nach den Feierlichkeiten zur Kaserne zu geleiten, führten radikale Mitglieder des Soldatenrats sie zu einem Schulgebäude. Dort umstellten sie die Rückkehrer und zwangen diese, ihre Waffen abzulegen. Den Soldaten gehorchten. Dass die Mitglieder des Soldatenrats ihr Versprechen gebrochen hatten, sorgte allerdings bei einigen Bremer*innen für Empörung.

Neuwahlen: Erster Rückschlag

Bei den Neuwahlen am 6. Januar erlitten die Sozialisten und Kommunisten einen herben Rückschlag. In den Wahlen zum Arbeiterrat gewann die MSPD, die massive Werbung in bürgerlichen Kreisen gemacht hatte, die Mehrheit.

Bis dahin hatten sich die Mehrheitssozialisten aus Protest an keiner der Revolutionsorgane beteiligt. Weder im Arbeiter- und Soldatenrat, noch im Zwölfer-Ausschuss waren sie offiziell vertreten. Dies hatte u. a. dazu geführt, dass die Positionen des Senats und der revolutionären Einheiten deutlich auseinanderdrifteten. Durch die Teilnahme an den Wahlen mischte sich die MSPD nun zum ersten Mal aktiv in die post-revolutionäre Politik ein. Die reaktionären Kräfte schienen sich in Bremen durchzusetzen.

Ausrufung der Bremer Räterepublik: Alles auf neu!

Dennoch gelang den Kommunisten für kurze Zeit die Machtübernahme. Weder Senat noch die Mehrheit des Rates waren bereit, die Arbeiter zu bewaffnen. Daraufhin rief die KPD am 10. Januar zu einer Massendemonstration auf. Während sich die meisten in der Stadt versammelten, gingen einige Kommunisten zum Aktionsausschuss. Dort verkündeten sie kurzerhand, dass dieser nun abgesetzt sei und die KPD nun die Macht übernehme. Erneut trat Frasunkiewicz vor die Menge und gab bekannt:

„Hiermit erkläre ich die bürgerliche Demokratie und den Parlamentarismus für historisch. Von Stund an regieren die Räte!“

Zu den ersten Maßnahmen der neuen Regierung gehört die Einführung des Achtstundentages. Außerdem werden der Senat und die Bürgerschaft aufgelöst.

Oder doch nicht?

Durch die Entmachtung der alten Regierungsorgane versuchten die Revolutionäre mit dem alten System zu brechen. Das gelang allerdings nur bedingt: Denn auch im Rat der Volksbeauftragten, insbesondere unter den Soldaten, waren einige, die der sozialistischen Revolution mit Skepsis gegenüber standen. Die unabhängigen Sozialdemokraten, nicht die radikalen Kommunisten, hatten die Mehrheit im Rat.

Noch deutlicher wurde die Kontinuität der vor-revolutionären Kräfte in der Verwaltung. Zwar waren die Kommissare, die den jeweiligen Abteilungen vorstanden, alle mit Revolutionären besetzt. Doch die Beamten in der Verwaltung blieben dieselben. Es war den Revolutionären schlicht nicht möglich, alle Positionen mit eigenen – kompetenten – Anhänger*innen zu besetzen. Auch die wirtschaftlichen Betriebe ließen sich nicht von einem Tag auf den anderen umkrempeln. Faktisch blieb die Revolution weiter auf die Unterstützung der alten Eliten angewiesen.

Telegrammflut aus Bremen

Trotzdem dachten die Anhänger der Bremer Räterepublik groß. Friedrich Ebert erhielt nicht als einziger ein Telegramm.

Ein weiteres sandten die Bremer an die Arbeiter- und Soldatenräte in den umliegenden Städten. Darin forderten sie zum Umsturz der Ebert-Regierung und zur Unterstützung des Spartakusaufstands auf. Allerdings nahmen sich nur Vegesack, der Landkreis Blumenthal und Cuxhaven ein Beispiel an den Bremern.

Noch ein anderes Telegramm ging an Wladimir Iljitsch Lenin. Auch ihm verkündeten die Bremer Revolutionäre die Solidarität der Bremer Räterepublik.

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Annalena B. arbeitet bei Gegen Vergessen - Für Demokratie e.V.

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