Demokratiegeschichten

100 Jahre politischer Mord in Deutschland: Alltägliche Angriffe, Drohungen und Hakenkreuze

„Auer verlangt das sofortige Eingreifen der Regierung gegen die durch die Nationalsozialisten herbeigeführte politische Verwilderung. Gegen das Beschmieren der Häuser mit Hakenkreuzen und das Herunterholen der Reichsflagge stellte Genosse Auer die Selbsthilfe der Arbeiterschaft in Aussicht, falls die Polizei weiterhin fortgesetzt versage. […] Weiterhin stellte Auer die Frage: Hat die Regierung etwas im Hinblick auf den nationalsozialistischen Protest gegen den Besuch des Reichspräsidenten in München getan? Wenn Ebert nach München kommen will und die Regierung ihn nicht zu schützen vermag, werden die Sozialdemokraten es tun.“

So fasst der „Vorwärts“ am 31. Mai 1922 eine Rede des bayerischen SPD-Landesvorsitzenden Erhard Auer zusammen, die dieser in seiner Funktion als Landtagsvizepräsident am Vortag gehalten hat.

Erhard Auer als bayerischer Innenminister, Postkarte von 1919.

Auer weiß, wovon er redet: Denn er selbst wurde am 25. Oktober 1921 von bewaffneten rechten Angreifern überfallen, die ihr Ziel aber verfehlten – Auer blieb unverletzt. Dem gewaltsamen Angriff waren öffentliche Beschimpfungen vorausgegangen. Der „Vorwärts“ berichtete am 22. Oktober 1921 davon:

„Ein Haufen junger Burschen zog kürzlich vor die Wohnung des Genossen Auer und begann zu johlen, zu pfeifen und zu schreien. In das Haus wurde gerufen: Auer raus, Schieber, Verräter, Saujud, Lump!“

Drohungen gegen Prominente …

Originaltitel: „In der großen Sitzung der Sozialdemokratischen Fraktion in der Bewilligung des Panzerschiffes A. Reichsinnenminister Severing begibt sich zu den Besprechungen in der Angelegenheit des Panzerschiffes A zum Reichskanzler Hermann Müller.“, August 1928, Quelle: Bundesarchiv Bild 102-
102-13677, Foto: o. Angabe

Dass solche Beschimpfungen und Belagerungen überhaupt bekannt wurden, war eher die Ausnahme und hängt mit der Prominenz Auers zusammen. Andere müssen sich gegen üble Nachrede und Verleumdung wehren, zum Beispiel der preußische Innenminister Carl Severing, dem Käuflichkeit und Schiebung unterstellt wird. Reichspräsident Friedrich Ebert wird immer wieder als Vielfraß, als Alkoholiker und als Vaterlandsverräter beschimpft. Reichskanzler Joseph Wirth von der katholischen Zentrumspartei erhält zahlreiche Morddrohungen per Post.

Solche Persönlichkeiten sind zahlreichen Angriffen ausgesetzt, aber ihre herausgehobene Stellung bietet ihnen auch Schutz. In vielen Fällen versucht der „Reichskommissar für Überwachung der öffentlichen Ordnung“ herauszufinden, wer die zumeist anonymen Briefeschreiber sind.

… und einfache Beamte

Die Aggressionen richten sich aber auch gegen einfache Beamte wie jenen Breslauer Gerichtsdiener, der Anfang Juni 1922 diesen Brief erhält:

„Mit kaltem Lächeln habe ich das Schreiben von Ihnen, mein Judenknecht, gelesen. Das ist ein falscher Irrtum von Ihnen, es gibt Gott sei Dank noch immer ein Königliches Amtsgericht. Waren Sie dabei, als Kaiser Wilhelm II. nach Holland ging? Sie alter Saubulle, verschrobene Schießbudenfigur. Lassen Sie sich man die Knochen nummerieren, Sie alter Sack. Wenn ich nach Breslau komme, trete ich Ihnen ein Hakenkreuz in den Asch. Und dann werden Sie geschliffen nach allen Regeln der Kunst. […] Wagen Sie es noch einmal den Kaiser zu beleidigen, dann hauen wir Sie, daß Sie in keinen Sarg mehr passen.“

Zur Rechenschaft gezogen wird nicht der Berliner Absender dieser Beschimpfungen, sondern der Beamte, der sich zur Republik bekannte.

Antisemitische Provokationen

In München dringen Nationalsozialisten mit brennender Zigarette in eine Synagoge ein und machen sich über die anwesenden Gottesdienstbesucher lustig: Es sei nirgendwo geschrieben, dass man in den Räumen nicht rauchen dürfe. Andernorts spucken Antisemiten demonstrativ vor jüdischen Friedhöfen aus oder skandieren „Judenblut muss fließen“.

Immer wieder gibt es antisemitische Schmierereien, häufig versehen mit Hakenkreuzen. Besonders auf öffentlichen Toiletten überbieten sich die anonymen Hetzer mit Hassparolen. Die sozialdemokratische Presse reagiert auf diese allgegenwärtigen Schmierereien teilweise mit Sarkasmus. Das zeigt zum Beispiel dieser fiktive Dialog, der im „Vorwärts“ abgedruckt wird.

Abwehrversuche

„Alfred mein Liebling, wenn auch nicht mir, so tu´´ s Lizzi zu Liebe und stecke dir das Hakenkreuz an!“ –

„Nein Mama! Was in jedem Lokus prangt, damit möchte ich mich nicht schmücken. Meine Brust ist keine Abort-Wand.“

Zum Alltag gehören „provozierende Gespräche in der Straßenbahn“, bei denen die USPD-Presse Zivilcourage fordert.

Auf der Einfriedungsmauer rechts sind ein Hakenkreuz in falscher Ausrichtung und der Schriftzug „Adolf Hitler“ zu erkennen. Wohnhaus in Güstrow, um 1930, Quelle:
SLUB Dresden / Deutsche Fotothek / Berthold Kegebein

Wie schwierig das ist, verdeutlicht unter anderem ein Bericht im „Vorwärts“ über einen Ausflug in den Harz im Dezember 1921, bei dem sich der Autor von „Hakenkreuzlern“ nahezu umzingelt sieht:

„Männlein und Weiblein sind geschmückt; nicht mit Feldblumen oder Tannenreisig oder Eichenblättern, wie einstmals, sondern mit dem Hakenkreuz.“

Offene Fremdenfeindlichkeit und Antisemitismus

Dieselben Menschen säßen dann abends in den Gaststätten und straften all jene mit feindseligen Blicken oder gehässigen Sprüchen, die „nicht flachsblonde und kaiserlich gescheitelte Haare“ besäßen oder eine „etwas anders geformte Nase“ hätten.

In Berlin begegnen Kunden auf dem Telegrafenamt Wilmersdorf Angestellten mit angeheftetem Hakenkreuz, die auf die „Judenrepublik“ schimpfen – obwohl das Tragen solcher Abzeichen im Dienst untersagt ist.

Missbrauchte Meinungsfreiheit

Der „Vorwärts“ berichtet am 21. Mai 1922 über die Debatte im Preußischen Landtag. Er zitiert dort den sozialdemokratischen Abgeordneten Erich Kuttner:

„[…] die Aufforderung eines jüdischen Kaufmannes an einen Hakenkreuzjüngling, sein Hakenkreuz abzulegen, wird von der Breslauer Strafkammer als ‚gemeingefährliche Beeinträchtigung der persönlichen Freiheit‘ bezeichnet, die ‚nicht energisch genug‘ bestraft werden könnte.“

Deutschlandfunk Kultur sendet in Kooperation mit dem Leibniz-Zentrum für Zeithistorische Forschung (Potsdam) ab dem 25. August 2021 jeweils mittwochs gegen 19:25 Uhr die Reihe 100 Jahre politischer Mord in Deutschland.  

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Über uns 
Historikerin, Autorin, Kuratorin Mitarbeiterin im Projekt "Gewalt gegen Weimar" am Leibniz-Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam

1 Kommentar

  1. Hermes Ralf

    26. Mai 2022 - 10:55
    Antworten

    Danke für den interessanten Bericht.

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