Demokratiegeschichten

13.10.1806: Eröffnung Deutschlands erster Blindenschule

Alles beginnt mit einem Klavierkonzert: 1784 gastiert die Wiener Pianistin Maria Theresia von Paradis während ihrer Europatournee in Paris. Zahlreiche hohe Persönlichkeiten besuchen ihre Auftritte, darunter der französische König Louis XVI und seine Frau Marie Antoinette. Regelmäßig begeistert von Paradis (bürgerlicher Name Paradis) ihr Publikum, ihre Auftritte sind eine kleine Sensation. Denn die 25-jährige ist nicht nur außergewöhnlich talentiert, sondern unterscheidet sich von Pianistin*innen ihrer Zeit noch durch eine andere Kleinigkeit: Seit ihrem dritten Lebensjahr ist sie blind.

Blind ist nicht gleich hilflos

Von Paradis macht in einer Zeit Schlagzeilen, in der Menschen mit Sehbeeinträchtigungen als Belastung und als „unnütz“ gelten. Denn wer nichts sehen kann, kann keine Arbeit verrichten oder den eigenen Lebensunterhalt verdienen. An allgemein zugängliche Bildung für blinde Menschen ist gar nicht zu denken.

Zum Glück ist der Diplomat Valentin Haüy, der eines von Paradis Konzerten in Paris besucht, anderer Ansicht. Er ist von ihrem Auftritt so begeistert, dass er in der französischen Hauptstadt eine Blindenanstalt gründet. Einige Jahre später, 1806, reist Haüy nach Berlin. Dort gelingt es ihm, eine Audienz beim preußischen König Friedrich Wilhelm III. zu erhalten. Bei der Gelegenheit führt er dem Monarchen einen seiner Schüler vor. Friedrich Willhelm III. beschließt daraufhin die Gründung einer „Preußisch-Königlichen Blindenanstalt“. Als Direktor ernennt er den Wittenberger Privatgelehrten Johann August Zeune. Diesem ist Haüy nicht unbekannt, Zeune hat seine Anstalt in Paris besucht und sich dort über Unterrichtsmethoden informiert.

Am 11. August 1806 unterzeichnet er die Gründungsurkunde, am 13. Oktober erfolgt die Eröffnung. Es ist die erste Schule für blinde Kinder auf heutigem deutschen Gebiet.

Die Schule

Der Unterricht beginnt zunächst mit nur einem Schüler. In seiner Privatwohnung in der Gipsgasse unterrichtet Zeune Geographie, Mathematik und Sprachen wie an einem Gymnasium. Handarbeiten und Seilereien lehrt seine Frau Auguste. Erst 1812 erhält die Schule einen ersten dauerhaften Standort neben der Georgenkirche in Berlin Mitte.

Mit den Jahren gewinnt die Schule an Anerkennung. Wie schon Haüy macht Zeune „Werbung“ mit seinen Schülern. In so genannten Fremdenstunden haben die Schüler jeden Mittwoch von 10 bis 12 Uhr ein Examen vor Gästen zu bestehen.

Zudem gewinnt Zeune prominente Unterstützung: Werner von Siemens stellt für den Physikunterricht seine Apparate zum Telegraphieren zur Verfügung. Auch Alexander von Humboldt gehört zu den Förderern. Felix Mendelssohn-Bartholdy vertont sogar die „Schwimmlieder“, die sich Zeune für die Leibesertüchtigung im Wasser ausgedacht hat. Sowieso spielt Musik eine wichtige Rolle im Schulalltag. Vor Publikum führen die Schüler Konzerte auf, Haydns „Jahreszeiten“ und Mozarts „Requiem“ stehen auf dem Programm. Die öffentlichen Auftritte sollen zeigen, was die Schüler leisten können.

41 Jahre ist Zeune der Blindenschule, die noch heute seinen Namen trägt. Mit 67 Jahren legen ihm seine Vorgesetzten die vorzeitige Pensionierung nahe. Die Begründung: Mittlerweile ist Zeune selbst erblindet. Zeune nimmt an. Er stirbt 1853 in Berlin.

Bedeutung der Blindenschule

Nicht alle Menschen waren vom Erfolg der Blindenschule überzeugt. Kritisiert wurde unter anderem, dass die Schüler trotz guter Ausbildung keinen Beruf fanden. Doch lässt sich dies kaum der Schule oder ihrem ersten Direktor ankreiden. Vermutlich war die Gesellschaft im frühen 19. Jahrhundert noch nicht so weit. Bis auch blinde Menschen selbstverständlich Bildung und Beruf erlangen konnten, dauerte es noch Jahrzehnte.

Dennoch hat die erste deutsche Blindenschule dafür wichtige Grundlagen gelegt. 1877 zieht sie in ein größeres Gebäude in Berlin-Steglitz um, wo sie noch heute zu finden ist. In der Johann-August-Zeune-Schule lernen heute Kinder und Jugendliche jeden Alters, auch eine Berufsfachschule ist eingebunden. Selbstverständlich lernen sie das, was ihnen vor knapp 200 Jahren kaum jemand zugetraut hätte. Bei dem Gedanken daran, dass irgendwer hier unnütz sei, kann man heute nur lachen.

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Über uns 
Annalena B. arbeitet bei Gegen Vergessen - Für Demokratie e.V.

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