Ausgangslage der Gewerkschaften 1933: Anpassung statt Widerstand
Unmittelbar nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten erklärte die Führung des Allgemeinen Deutschen Gewerkschaftsbundes (ADGB) ihre politische Neutralität gegenüber dem Regime. In der Hoffnung, als Interessenvertretung der Arbeitnehmer:innen bestehen zu bleiben.
Das Regime wurde Unterschätzt. Die ADGB Funktionäre gingen davon aus, dass der „Nazispuk“ bald wieder vorübergehen würde. Entsprechend lautete die Forderung: „Organisation statt Demonstration“ und „Ruhe bewahren“.
Gleichzeitig war die Gewerkschaftsbewegung tief gespalten. Die verschiedenen gewerkschaftlichen Strömungen standen sich teils feindlich gegenüber. Diese Zersplitterung schwächte ihre Handlungsfähigkeit erheblich. Ein gemeinsamer Widerstand gegen die Nationalsozialisten blieb aus.
Der 1. Mai 1933 – Ein Propagandistischer Staatsakt der Nazis
Trotz der zunehmenden Übergriffe auf Gewerkschafter:innen nahm der ADGB an den Feierlichkeiten zum 1. Mai 1933 teil. Das NS-Regime hatte diesen Tag als „Tag der nationalen Arbeit“ erklärt und erstmals zum gesetzlichen Feiertag erhoben. Auf den ersten Blick schien damit eine zentrale Forderung der Arbeiterbewegung aufgegriffen zu werden. Tatsächlich war dieser Feiertag jedoch Teil einer groß angelegten Propagandainszenierung.

Propagandainszenierung der Maifeier 1933 auf dem Tempelhofer Feld, Foto: AdsD der FES, 6:FOT[6-FOTB006040.]; Rechte: unbekannt 
Hitler Jugend während des 1. Mai 1933 in Berlin, Foto: AdsD der FES, 6:FOT[6-FOTB006040.]; Rechte: unbekannt
Die Nationalsozialisten gestalteten ihn als Ereignis, um Arbeiter:innen für ihre Ideologie zu gewinnen. Zugleich nutzten sie den Anlass, die ursprüngliche Bedeutung des 1. Mai umzudeuten und ein vermeintliches Gemeinschaftsgefühl im Sinne der „Volksgemeinschaft“ zu erzeugen.
Doch hinter dieser symbolischen Anerkennung stand ein konkreter Plan: die Zerschlagung der unabhängigen Gewerkschaften.
Der 2. Mai 1933: Vom Propagandatag zur Gewaltaktion
Nur ein Tag später 1933 besetzten Einheiten der Sturmabteilung (SA) und der nationalsozialistische Betriebszellenorganisation (NSBO) im ganz Deutschland Gewerkschaftshäuser. Die Aktion war kein spontanes Vorgehen, sondern gezielt vorbereitet.
Das Gewerkschaftsmitglied Hans Schwerdt, der die Erstürmung des Gewerkschaftshauses in Frankfurt am Main beobachtete, berichtete von brutalen Übergriffen. „Die Nazis kamen in mehreren Bussen, mit Massen von SA-Burschen aus der ganzen Umgebung“, erinnerte er sich. Anschließend schilderte er die Gewalt, mit der die Angreifer vorgingen: „Sie traten die Türen ein und schlugen die Kollegen auf die Straße heraus.“ Viele wurden in sogenannte „Schutzhaft“ genommen.
Die Vermögen der Gewerkschaften wurden beschlagnahmt und in die neu gegründete Deutsche Arbeitsfront (DAF) überführt. Die Beschäftigten wurden aufgefordert, unter nationalsozialistischer Kontrolle weiterzuarbeiten
Auf einem Schlag endete die unabhängige Interessenvertretung der Arbeitnehmer:innen in Deutschland.
Weshalb die Gewerkschaften für die Nationalsozialisten ein Hindernis waren
Für die Nationalsozialisten stellten die Gewerkschaften ein zentrales Hindernis dar. Die organisierte Arbeiterschaft war mehrheitlich sozialdemokratisch oder kommunistisch geprägt und dem NS-Regime gegenüber skeptisch eingestellt.
Das zeigte sich auch bei den Betriebsratswahlen im März 1933: Die nationalsozialistische Betriebszellenorganisation (NSBO) erhielt nur etwa ein Viertel der Stimmen. Besonders in großen Industriebetrieben fehlte den Nationalsozialisten Rückhalt.
Um ihre Herrschaft zu sichern, mussten die Nazis die organisatorischen Strukturen der Arbeiterbewegung zerschlagen.
Gleichschaltung und Verfolgung
Die Ereignisse des 2. Mai waren Teil der sogenannten „Gleichschaltung“. Darunter versteht man die systematische Unterordnung aller gesellschaftlichen Organisationen unter die Kontrolle der Nationalsozialisten.
Kurz darauf verboten die Nationalsozialisten auch die SPD und andere Organisationen. Damit war die letzten Strukturen der Arbeiterbewegung Zerschlagen.
Ein organisierter Widerstand wurde zusätzlich dadurch erschwert, dass die Gewerkschaften bereits stark geschwächt waren. Die Mitgliederzahlen waren seit 1920 stark gesunken, und viele Mitglieder:innen waren arbeitslos. Ein Generalstreik, wie ihn Teile der Kommunistischen Partei Deutschland (KPD) forderten, blieb daher aus.
Zudem wurden Gewerkschafter:innen, Sozialdemokrat:innen und Kommunist:innen verfolgt und in Gefängnisse sowie die ersten Konzentrationslager (KZ) inhaftiert. Viele von ihnen bezahlten ihren Mut mit dem Leben.
Bedeutung des 2. Mai 1933
Der 2. Mai 1933 markiert einen entscheidenden Schritt auf dem Weg zur nationalsozialistischen Diktatur. Mit der Zerschlagung der Gewerkschaften verloren nicht nur Millionen Beschäftigte ihre Interessensvertretung. Die Nazis zerstörten auch eines der letzten Bollwerke, das ihrer vollständigen Machtergreifung noch im Weg hätte stehen können.
Literatur:
Mai 1933: Die Zerschlagung der Gewerkschaften - Geschichte der Gewerkschaften
LeMO Zeitstrahl - NS-Regime - Etablierung der NS-Herrschaft - Zerschlagung der Gewerkschaften
Das Ende der freien Gewerkschaften nach dem Tag der Arbeit
Als die Nazis die Gewerkschaftshäuser überfielen


0 Kommentare