Demokratiegeschichten

Flucht und Demokratiegeschichte: Was Annemarie Ackermanns Biografie über die Bundesrepublik erzählt

1944 floh Annemarie Ackermann aus der Batschka. Neun Jahre später saß sie im Deutschen Bundestag. Ihr Weg dahin war geprägt von Ausgrenzung und Neuanfang und das macht sie zu einer der ungewöhnlichsten Abgeordneten der frühen Bundesrepublik.

Am 20. Juni wird mit dem Gedenktag für die Opfer von Flucht und Vertreibung an die Millionen Menschen erinnert, die infolge des Zweiten Weltkriegs ihre Heimat verloren. Doch wessen Erfahrungen finden eigentlich Eingang in die Politik? Und wer darf sie vertreten? Ackermanns Geschichte eröffnet einen Interessanten Zugang.

Flucht aus der Batschka

Annemarie Ackermann wurde am 26. Mai 1913 in Parabutsch (Batschka) geboren, einer Region, die damals zum Königreich Jugoslawien gehörte und heute in Serbien liegt. Nach dem frühen Tod ihrer Eltern wuchs sie bei ihren Großeltern auf und absolvierte später eine Ausbildung zur zahnärztlichen Assistentin.

Karte: Siedlungsgebiete der Donauschwaben , darunter die Batschka (3). Quelle: Wikimedia Commons, gemeinfrei.

Die Machtübernahme der kommunistischen Partisanen unter Josip Broz Tito traf auch Ackermanns Familie unmittelbar: Sie floh über Ungarn nach Österreich. Von 1946 bis 1949 lebte Ackermann in einem österreichischen Massenlager für Geflüchtete, bevor die Familie 1951 nach Deutschland gelangte.

Dort wartete kein einfacher Neuanfang. Obwohl Ackermann Deutsch sprach und sich selbst als Deutsche verstand, wurde sie vielerorts als Fremde wahrgenommen. Gesellschaftliche Zugehörigkeit entsteht eben nicht allein durch Sprache oder Staatsangehörigkeit,  sie wird ausgehandelt, und oft abgesprochen.

Von der Dolmetscherin zur Abgeordneten

Von Beginn an engagierte sich Ackermann gesellschaftlich. Dank ihrer Kenntnisse in Ungarisch, Serbisch und Deutsch arbeitete sie als Dolmetscherin und unterstützte andere Geflüchtete. Sie trat der CDU bei, engagierte sich im Katholischen Deutschen Frauenbund und wurde 1953 über die Landesliste der CDU Rheinland-Pfalz in den Deutschen Bundestag gewählt.

Damit war sie nicht nur eine der ersten weiblichen Abgeordneten der jungen Bundesrepublik. Sie war auch die erste und einzige donauschwäbische Bundestagsabgeordnete überhaupt. 

Im Bundestag setzte sie sich vor allem für die Belange von Geflüchteten ein. Zu ihren zentralen Anliegen gehörten die Familienzusammenführung, die gesellschaftliche Integration der Vertriebenen sowie die Freilassung deutscher Kriegsgefangener. Sie brachte Erfahrungen in die Politik ein, die dort sonst kaum vertreten waren.

Migrationsgeschichte als essenzieller Bestandteil von Demokratien

Ackermanns Biografie erinnert daran, dass die Geschichte der Bundesrepublik nicht nur eine Geschichte von Wirtschaftswunder und europäischer Integration ist, sondern auch eine Migrationsgeschichte. Rund ein Viertel der Bevölkerung in Deutschland hat heute eine eigene oder familiäre Migrationsgeschichte, so das Statistische Bundesamt. 

Migration ist kein Ausnahmezustand, sondern ein dauerhaftes Merkmal von Gesellschaften. Viele Konflikte, die als „Migrationsfragen“ ausgetragen werden, betreffen im Kern Fragen von Zugehörigkeit, Anerkennung und politischer Gleichberechtigung.

Ein Gedenktag mit offenen Fragen

Der Gedenktag ermöglicht einen Blick auf aktuelle Debatten über Migration. Erfahrungen von Vertreibung gehören nicht nur zur deutschen Nachkriegsgeschichte. Sie prägen permanent gesellschaftliche und politische Auseinandersetzungen.

Die Erinnerung an deutsche Vertriebene muss jedoch immer im Zusammenhang mit dem nationalsozialistischen Vernichtungskrieg und seinen Gewaltverbrechen stehen. Andernfalls besteht die Gefahr, die Ursachen von Flucht auszublenden und sie isoliert zu betrachten. Zudem wird kritisiert, dass die aktuelle Politik in Deutschland und Europa häufig im Widerspruch zu den Idealen steht, die der Gedenktag vermitteln soll.

Die Geschichte von Annemarie Ackermann macht deutlich, dass Flucht und Migration keine Randthemen der Demokratiegeschichte sind. Sie formen demokratische Gesellschaften und entwickeln sie vor allem weiter.


Literatur:

https://kulturstiftung.org/beitraege/inland/annemarie-ackermann-eine-donauschwaebische-politikerin-der-ersten-stunde

https://migrations-geschichten.de/20-juni-gedenktag-fuer-die-opfer-von-flucht-und-vertreibung/

Naika Foroutan: Die postmigrantische Gesellschaft.
Ein Versprechen der pluralen Demokratie, Bielefeld, 2018.  

Rudolf Vierhaus, Ludolf Herbst (Hrsg.), Bruno Jahn (Mitarb.)
:Biographisches Handbuch der Mitglieder des Deutschen Bundestages. 1949–2002. Bd. 1: A–M. K. G. München, 2002, S. 2.

Gudrun Hackenberg: Das Geschenk der leeren Hände. Annemarie Ackermann – eine Biografie. Ulm, 2024.

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Über uns 
Lilian B. arbeitet bei Gegen Vergessen - Für Demokratie e.V. als studentische Hilfskraft.

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