Demokratiegeschichten

Demokratie üben, bevor Demokratie möglich war: 40 Jahre grenzfall

Demokratische Räume entstehen dort, wo Menschen Informationen teilen, sich organisieren und öffentlich widersprechen können. In der DDR der 1980er Jahre entstanden solche Räume nicht in den offiziellen Institutionen. Sie entstanden an unerwarteten Orten: in Kirchenräumen, in privaten Wohnungen und auf den Seiten einer Untergrundzeitschrift.

Vor 40 Jahren erschien die erste Ausgabe des grenzfalls. Ein Anlass, genauer hinzuschauen: Wie entsteht demokratische Öffentlichkeit, wenn Pressefreiheit fehlt?

Ein Bündel Fotoabzüge unter der Hand

Ost-Berlin, Sommer 1986. Unter der Hand wird ein kleines Bündel Fotoabzüge weitergereicht. Neun Blätter, mit einer Heftklammer zusammengehalten, eng beschrieben und mit Karikaturen versehen. Es ist die erste Ausgabe des grenzfalls, in einer Startauflage von gerade einmal 50 Exemplaren.

Herausgegeben wurde die Zeitschrift von der Initiative Frieden und Menschenrechte (IFM), die sich einige Monate zuvor, am 24. Januar 1986, gegründet hatte. Die IFM verstand sich bewusst als unabhängig von der Kirche. Im UNO-Jahr des Friedens prangerte sie Menschenrechtsverletzungen an und setzte sich für demokratische Reformen ein.

Wachsende Auflage, wachsendes Risiko

Zunächst erschien der grenzfall unregelmäßig. Ab 1987 dann monatlich. Die Auflage wuchs auf bis zu 800 Exemplare. Gedruckt wurde in wechselnden Privatwohnungen und zeitweise in den Räumen der Umwelt-Bibliothek. Feste Räume gab es nicht, zu groß war die Gefahr der Entdeckung.

„Demokratie vor der Demokratie“

Der grenzfall war mehr als eine Untergrundzeitschrift. Er war ein Versuch, eine unabhängige Öffentlichkeit herzustellen.

Die DDR verfügte über formale Institutionen: eine Volkskammer, Parteien, Wahlen. Eine freie politische Öffentlichkeit, in der unterschiedliche Positionen tatsächlich aufeinandertreffen konnten, gab es nicht.

Die Redakteur:innen schufen somit ein Gegenmodell zur staatlich gelenkten Presse: unabhängige Information statt Propaganda, Raum für kontroverse Diskussion statt einheitlicher Linie, Dokumentation von Rechtsverletzungen statt Verschweigen.

Die Friedenswerkstatt 1986

Wie demokratisch sind Räume, die selbst unter Druck stehen?

Die Friedenswerkstätten waren seit 1982 feste kirchliche Großveranstaltungen mit Gottesdiensten, Ausstellungen und Diskussionsforen, die tausende Menschen anzogen und weit über die DDR hinaus Beachtung fanden. Für oppositionelle Gruppen war das eine seltene Gelegenheit: Öffentlichkeit unter dem schützenden Dach der Kirche. Am Stand der IFM sollte 1986 auch die erste Ausgabe des Grenzfalles Premiere feiern.

Doch daraus wurde nichts. Generalsuperintendent Günter Krusche verhinderte dies eigenhändig.

Grenzen der Schutzräume

Die Kirchenleitung war um ein gutes Verhältnis zum Staat bemüht und wollte kein offen oppositionelles Sprachrohr unter ihrem Dach dulden.

Der Vorfall zeigt: Die Realität war komplizierter als das Bild Staat gegen Opposition. Kirchen waren Schutzräume für die DDR-Opposition. Aber auch sie hatten ihre Grenzen. Auch innerhalb der Kirche war es für Oppositionelle nicht immer einfach, Resonanz zu bekommen. Die Kirchenleitung stand selbst zwischen Schutzfunktion und Anpassungsdruck. Die Demokratiebewegung in der DDR musste sich in ihren eigenen Rückzugsräumen immer wieder neu behaupten.

40 Jahre später

Bis 1989 erschienen in Berlin 17 Ausgaben des grenzfalls, eine weitere 1989 in Thüringen, herausgegeben von einer IFM-Redaktion in Suhl.

Der grenzfall zeigt, dass demokratische Öffentlichkeit nicht zwingend große Institutionen braucht. Sie entsteht dort, wo Menschen bereit sind, das Risiko der eigenen Sichtbarkeit einzugehen auch gegen Widerstand, auch innerhalb der eigenen Reihen.

Der grenzfall war Demokratie, geübt, bevor Demokratie überhaupt möglich war. Eine Erinnerung daran, dass Öffentlichkeit kein Zustand ist, sondern immer wieder neu hergestellt werden muss.

Literatur:

https://www.jugendopposition.de/jugendopposition/themen/565098/grenzfall/

https://revolution89.de/aufbruch/die-opposition-tritt-an-die-oeffentlichkeit/initiative-frieden-und-menschenrechte

https://www.deutschlandfunk.de/40-jahre-friedenswerstatt-erloeserkirche-ddr-100.html


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Über uns 
Lilian B. arbeitet bei Gegen Vergessen - Für Demokratie e.V. als studentische Hilfskraft.

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