Demokratiegeschichten

„Berlin“: Jason Lutes Comic-Roman

22 Jahre Arbeit, knapp 600 Seiten Comic. Ein Handlungsrahmen, der von 1928 bis 1993 reicht. Wer die Gesamtausgabe „Berlin“ (Carlsen-Verlag) von Jason Lutes in Händen hält, kann über so viel Ausdauer nur staunen. Und sich freuen, denn dem Autor der Comic-Trilogie gelingt damit Großartiges.

Wege im Comic

Ein Werk dieses Formats in einem Artikel rezensieren zu wollen, ist fast schon vermessen. Denn so Vieles ließe sich ansprechen: Die Reichhaltigkeit an Figuren, der Spannungsaufbau, die klare Linienführung, der unaufgeregte Stil.

Statt über alles und nichts zu sprechen, möchte ich hier den Blick auf etwas lenken, was mir beim Lesen besonders auffiel: Die Rolle von Zügen und Bahnhöfen. Denn die sind nicht nur da, um die Stellung Berlins als moderner Großstadt der 1920er Jahre zu zeigen. Daran kann angesichts der Vielzahl an abgebildeten Stationen und technischen Neuerungen (Ampelturm!) wirklich kein Zweifel bestehen.

Vielmehr verdeutlichen sie die Suche nach, bzw. das Fehlen von Orientierung, die die Mehrheit der Protagonist*innen umtreibt. Genau wie die Leser*innen wissen diese zu Anfang nicht, wo ihre Reise hingeht. Geht es nach rechts oder links? Zur NS-Kundgebung oder zur KPD-Demonstration? Zu einem Spaziergang im Tiergarten oder zu einer Feier in Berlins legendärem Nachtleben?

Kurt Severing hadert mit Entscheidungen – nicht nur bei der Bartwahl. S. 104 Berlin 3(C) Jason Lutes, Carlsen Verlag

Wie in einem Zug fährt man am Leben verschiedener Personen vorbei: Immer wieder erhascht man Blicke auf unterschiedliche Charaktere und Landschaften. Denn statt einer Figur zu folgen, wirft Jason Lutes mehrere Figuren ins Getümmel von Berlin. Und wartet ab, wie sich diese entwickeln:

Als ich mit der Arbeit an dem Buch begann,
hatte ich keine fertige Geschichte im Kopf.
Fest standen nur der Schauplatz, eine Reihe
von Themen, die ich erforschen wollte, sowie
vier bis fünf Charaktere, aus deren Perspektive
ich diese Erforschung angehen wollte.
(…) Immer wenn eine der Figuren
vor einer wegweisenden Entscheidung stand,
habe ich versucht, mich in ihre Lage zu versetzen
und sie den Weg einschlagen zu lassen,
der mir für die Figur am plausibelsten erschien.

Gespräch mit Jason Lutes in „Berlin“ Gesamtausgabe Carlsen-Verlag, S. 582.

Leben wie eine Zugfahrt

Wie auf einem Bahnhof folge ich den Protagonist*innen durch die Geschichte. Manche tauchen nur ganz am Rande des Getümmels auf und verschwinden gleich wieder. Andere steigen in einen Zug (oder in ein Auto, ein Flugzeug, …) und verlassen Berlin. Viele aber begleite ich durch die ganze Handlung und erlebe, wie sie mit anderen Personen zusammentreffen und einen Teil ihres Weges teilen.

Eine davon ist Marthe, eine junge Frau, die zum Studieren nach Berlin kommt. Sie ist die erste Protagonistin, die ich kennen lerne. Und natürlich reist sie per Zug nach Berlin an. Dort blüht Marthe auf, durch die Freiräume entdeckt sie neue Seiten an sich. Doch die neue Freiheit stellt sie auch vor unbequeme Fragen: Wer und was ist ihr wichtig? Was will sie mit ihrem Leben machen? Fragen, die sich viele der Figuren stellen müssen. Und die am Ende dazu führen, dass Marthe wieder in einen Zug steigt. Wohin die Reise diesmal geht, sei hier nicht verraten. Wohl aber, dass ihre letzte Fahrt auch das Schlusskapitel von „Berlin“ markiert.

Das Ende der Geschichte

Die Geschichte endet, so viel sei verraten, mit der Machtübertragung auf Hitler 1933. Damit setzt der Autor zugleich die erste klare Zensur in seinem Werk. Denn zwar wissen er und wir, wie es nach 1933 weiterging. Aber die Geschichte von „Berlin“ läuft nicht auf das Ende hin. Vielmehr ahnt man beim Lesen, dass Verlauf und Ausgang der Geschichte offen waren.

Natürlich prägt der Konflikt zwischen rechts und links, Arbeiter- und Bürgertum die Handlung. Und spätestens im dritten Buch merkt man, dass die rechte Seite erstarkt. Aber bis dahin verzichtete Jason Lutes komplett auf die Darstellung von Hakenkreuzen. Und vermittelt so das Gefühl, dass die folgenden Ereignisse zu keinem festen Fahrplan gehören.

Was auf den Comic zutrifft, gilt gewissermaßen auch für die Realität der Weimarer Republik. Hitler war keine Endstation (oder Entgleisung), auf die die Menschen der Weimarer Republik gezielt zusteuerten.

Die Machtübertragung stand so auf keinem Fahrplan. Hätten die Menschen eine andere Richtung eingeschlagen, wer weiß, an welchem Bahnhof die Weimarer Republik zuletzt gehalten hätte?

Wer sollte „Berlin“ lesen?

Comic-Liebhaber*innen, insbesondere von Werken mit historischem Plot, sowieso. Aber auch Leser*innen mit Interesse an der Weimarer Republik: Jason Lutes hat sorgfältig recherchiert und verknüpft gekonnt persönliche Schicksale mit regionalen und nationalen Ereignissen. Gut möglich, dass man einige Verbindungen erst beim Wieder-Lesen entdeckt.

Trotzdem: „Berlin“ ist mehr als eine historische Lehrstunde. Als graphisches Pendant passt sie vom Unterhaltungsfaktor gut zusammen mit der Komissar-Rath-Reihe von Volker Kutscher, bzw. Babylon Berlin. Dieser schrieb übrigens das Vorwort zu dieser Gesamtausgabe. Und bezeichnete sie zurecht als „Comic-Sinfonie“.


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Über uns 
Annalena B. arbeitet bei Gegen Vergessen - Für Demokratie e.V.

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