Demokratiegeschichten

Ein Blick auf den Reichstag und den Platz der Republik

Gerade in den letzten Tagen ist von den verschiedensten Seiten sehr viel über die Corona-Demonstrationen und das versuchte Eindringen von Demonstranten in das Reichstagsgebäude geschrieben worden. Glücklicherweise wurden dabei die verschiedenen politischen Parteien und Gruppierungen wachgerüttelt, sodass das Reichstagsgebäude als das Herzstück der bundesdeutschen Demokratie noch einmal in den Fokus geraten ist. Es wäre nun einfach, sich diesen vielen Äußerungen anzuschließen, die sich, so richtig sie auch sein mögen, oft wiederholen. Der Mehrwert dieses Textes wäre dann aber sehr überschaubar und ich würde wohl nur wenige von Ihnen dazu bekommen, über diesen Absatz hinaus weiterzulesen. Deswegen will ich genau das nicht machen.

Ich möchte vielmehr dazu einladen, sich einmal die Frontfassade des Reichstages anzusehen und sich mit der Lage des Reichstages und des Platzes der Republik zu beschäftigen. Machen wir uns die zentrale Bedeutung dieses Ortes in der deutschen Geschichte bewusst. Ich möchte zeigen, dass man, wenn man vor dem Reichstag auf dem Platz der Republik steht, wie an keinem anderen Ort der Bundesrepublik auf nunmehr 140 Jahre deutsche Geschichte blicken kann. Manches werden Sie davon schon kennen, aber es schadet nicht, sich diese Punkte immer wieder zu vergegenwärtigen.

Parlamentsbau in der Kaiserzeit

Als der Reichstag ab 1886 gebaut wurde, war er bereits das dritte Gebäude in Berlin, das als Sitz des Parlamentes genutzt werden sollte. Nachdem man in der Vergangenheit eher Übergangslösungen genutzt hatte, wurde der Wunsch der Abgeordneten nach einem repräsentativen Bau so groß, dass sich schließlich auch die Reichsregierung damit einverstanden erklärte, dass der Reichstag einen neuen Tagungsort erhalten sollte.


Die Standortfrage

Die Frage des „Wo“ wurde jedoch zur Streitfrage. Der heutige Sitz am Platz der Republik (dem damaligen Königsplatz) war schon zu Anfang der Wunschort. Zu diesem Zeitpunkt stand auf dem Platz noch die Siegessäule, die erst in der NS-Zeit verlegt werden sollte. Jedoch weigerte sich der damalige Besitzer des Grundstücks, das Land zu verkaufen. Folglich musste man sich um ein anderes im Stadtzentrum bemühen. Die daraufhin unterbreiteten Vorschläge waren dem Kaiserhaus wiederum zu nah am Stadtschloss. Eine Lösung fand sich erst, als der Besitzer des ursprünglich gewünschten Grundstücks verstarb und seine Nachkommen an die Regierung verkauften.

Von der Symbolik her ist die Lage des Reichstages spannend. Er liegt genau vor dem Brandenburger Tor, gewissermaßen draußen vor dem Stadttor. Dagegen stand das Berliner Zentrum des Kaiserreichs, das Stadtschloss der Hohenzollern, am anderen Ende der Allee „Unter den Linden“. Von Anfang an sollte klar sein, wo das Zentrum der Macht liegt – und wo nicht. Der neue Kaiser Wilhelm II. stand dem Bauprojekt anfangs noch offen gegenüber. Er lehnte aber wesentliche Merkmale wie die Kuppel ab, die größer als ihr Pendant auf dem Stadtschloss war.

Kaiserliche Symbolik auf dem Gebäude der Volksvertretung

Wenn man auf das Reichstagsgebäude selbst schaut, wird man schnell Hinweise auf die Machtverteilung im Kaiserreich finden. Noch heute kann man in den Dachverzierungen die Kaiserkrone erkennen. Auch im Giebel findet sich das Reichswappen mit der allgegenwärtigen Kaiserkrone. Diese thronte auch auf der Spitze der Kuppel, die im ursprünglichen Plan genau über dem Plenarsaal liegen sollte. Mit dieser Symbolik wurde zwar nur die Bedeutungsverteilung im Staat wiedergegeben, die auch schon die Reichsverfassung vorgesehen hatte. Aber es spricht schon für sich, dass über dem Parlamentsgebäude des Deutschen Reiches auch optisch die Kaiserkrone stand.

Dennoch schaffte es der Reichstag, in den folgenden Jahrzehnten zu einem bedeutenden Machtfaktor im Kaiserreich zu werden. Auch wenn in der Reichsverfassung die Regierung nicht dem Parlament gegenüber verantwortlich war, entwickelte sich doch eine Art der faktischen Verantwortlichkeit, da ein Reichskanzler und seine Staatssekretäre zwar kurzzeitig, aber nicht auf Dauer gegen den Reichstag regieren konnten.

Die Widmung

Die Bedeutungssteigerung des Hohen Hauses ging auch während des Ersten Weltkriegs weiter. Bis zu Beginn des Krieges war die ursprünglich geplante Widmung „dem deutschen Volke“ immer noch nicht angebracht worden. Bisher hatten sich Wilhelm II. und seine Regierung vehement gegen dieses Symbol der Volkssouveränität gewehrt. Während des Krieges erhöhte sich aber der Druck auf die Reichsleitung. Man sah sich gezwungen, diese Widmung in den letzten Tagen des Jahres 1916 anzubringen. Ein weiterer Aspekt spielte in die Symbolik hinein: Für die Buchstaben schmolz man zwei französische Kanonen aus der Zeit der napoleonischen Befreiungskriege ein. Zum einen konnte man dies als symbolischen Schlag gegen den Kriegsgegner Frankreich werten. Zum anderen setzte man das Gebäude noch einmal in den Kontext der Befreiungskriege und damit der Zeit, in der das deutsche Nationalbewusstsein im Bürgertum an Bedeutung gewann.


Ausrufung der Republik

Das Ende des Kaiserreiches sollte de facto auch am Platz der Republik vollzogen werden. Am zweiten Fenster links des Hauptportals rief der Sozialdemokrat Philipp Scheidemann am 9. November 1918 die Republik aus. Reichskanzler Max von Baden hatte die Abdankung des Kaisers verkündet und der Sozialist Karl Liebknecht bereitete sich darauf vor, einige Straßen weiter eine sozialistische Republik auszurufen. Um Liebknecht zuvorzukommen, entschied sich Scheidemann recht spontan für eine eigene Erklärung an die versammelte Menge. So wurde der bisherige Ort des deutschen Parlamentarismus auch der Ort, an dem die erste deutsche Republik ihren Anfang nahm.

Zentrum der Republik

Mit dem Inkrafttreten der Weimarer Reichsverfassung im August 1919 wurde das Reichstagsgebäude zum Sitz des neuen deutschen Parlamentes und zur Herzkammer der jungen Republik. Der Reichstag wurde nun zum zentralen Symbol für den deutschen Staat. Im Plenarsaal fanden die zentralen Auseinandersetzungen zwischen den verschiedenen politischen Parteien und Gruppierungen statt. Hier wurden Gesetze beschlossen und verschiedene Regierungen zu Fall gebracht. Aber auch in der Wertschätzung gab es große Unterschiede. Für die prodemokratischen Kräfte in den Weimarer Parteien wurde der Reichstag immer mehr Symbol ihres politischen Sieges über die Monarchie.

Ein Hassobjekt

Für Kommunisten und Rechte war der Reichstag ein Hassobjekt und stand für die Dinge, die sie an der Republik verachteten. Der Platz der Republik wurde regelmäßig zum Ort von Auseinandersetzungen zwischen Polizei und Vertretern der politischen Extreme. Die Nazis brachten ihren Hass damit zum Ausdruck, dass sie das Gebäude als „Quasselbude der Nation“ verunglimpften.


Ein Brand am Ende der Republik

Wie der Anfang der Republik symbolhaft mit dem Reichstagsgebäude zu tun hatte, stand auch das Symbol ihres Endes mit diesem Gebäude in Zusammenhang. Am 27. Februar 1933 brannte das Reichstagsgebäude. Die genauen Umstände konnten nie genau ermittelt oder die Schuld einwandfrei nachgewiesen werden. Die Folgen waren jedoch unzweifelhaft. Der Reichstagsbrand gab den Nazis den Anlass, gegen die letzten republikanischen Instanzen vorzugehen und mit einem Ermächtigungsgesetz, dem mit Ausnahme der SPD auch alle anderen anwesenden Parteien zustimmten, die Macht zu übernehmen.

Der Reichstag unterm Hakenkreuz

Die Nationalsozialisten bauten zwar das Gebäude wieder auf, wandelten es aber in eine Art Kultort ihrer eigenen Propaganda um. Debatten fanden nicht mehr statt und der Plenarsaal wandelte sich zur reinen Projektionsfläche nationalsozialistischer Weltanschauung.

Aber auch auf dem Platz vor dem Reichstagsgebäude änderte sich etwas. Die Siegessäule, die schon vor dem Bau des Gebäudes auf dem Platz stand, wurde an ihre heutige Stelle umgesetzt. Dies hatte mit den Planungen Hitlers zu tun, der hier schon mit den Umgestaltungen hin zu seiner neuen Hauptstadt „Germania“ begann. An sich sollte der Reichstag als Institution bestehen bleiben. Wenn man aber die Größenverhältnisse der gigantomanischen Projekte Hitlers und Speers mit denen des Reichstags vergleicht, wird schon hier deutlich, dass der Reichstag selbst in der Außendarstellung des Regimes nur noch eine sehr kleine Rolle spielen sollte. Zu diesen Umbauten kam es schließlich nicht mehr, da mit dem Krieg erst die Zerstörung und zuletzt das Ende des Nationalsozialismus kam.

Ein Symbol des Kriegsendes

Wieder einmal wurde das Reichstagsgebäude zum symbolhaften Zentrum Deutschlands. Kaum ein Bild wird derart häufig mit dem Ende des Krieges verbunden wie das Hissen der sowjetischen Flagge auf einem der Reichstagstürme. Wörter und Sätze in kyrillischer Schrift auf der Innenseite der Außenwand, die sowjetische Soldaten in den Trümmern auf den nackten Stein schrieben, zeugen heute noch von den letzten Tagen des Zweiten Weltkriegs.

Nicht mehr verwendbar

Dies schien das Ende zu sein. Zum ersten Mal in der Geschichte seines Bestehens wurde der Reichstag nicht mehr regulär als Parlamentsgebäude verwendet. Der Platz der Republik wurde in den ersten Nachkriegsjahren in einen Acker umgewandelt, auf dem die Bürgerinnen und Bürger Berlins Gemüse anbauten. Das Innere des Reichstages war zerstört und aus Sicherheitsgründen wurde die alte Kuppel abgetragen. Nominell war das Reichstagsgebäude zwar immer noch der Berliner Sitz des Bundestages, aber internationale Vereinbarungen und bauliche Gründe hinderten die Abgeordneten daran, Plenarsitzungen im Reichstagsgebäude abzuhalten. Lediglich Ausschüsse oder die Fraktionen konnten hier tagen.

Dennoch im Mittelpunkt

Dennoch war der Reichstag mit seinem Standort wieder im Mittelpunkt des historischen Geschehens. Dies hat mit einer Linie zu tun, die man heute noch überquert und sehen kann, wenn man zum Beispiel vom Brandenburger Tor zum Reichstagsgebäude läuft. Hier verlief die Zonengrenze und letztlich auch die Mauer, die bis 1989 die Stadt und das Land je in zwei Hälften teilte. Das Reichstagsgebäude lag in West-Berlin und man muss schon von einer gewissen Ironie sprechen, dass es von Unter den Linden bzw. vom Pariser Platz nur eines Blickes bedurfte, um das ehemalige Zentrum deutscher Demokratie und Freiheit zu sehen.  Dort wo früher das Stadtschloss der Hohenzollern stand, befand sich nun der Palast der Republik, unter anderem der Sitz der Volkskammer der DDR. An den beiden Enden von Unter den Linden standen wieder einmal zwei verschiedene Weltanschauungen und Systeme.

Zeitenwende auf dem Platz der Republik

Schließlich sollte aber wieder einmal auf dem Platz der Republik ein altes Kapitel deutscher Geschichte zu Ende gehen und eine neue Seite aufgeschlagen werden, als am 3. Oktober 1990 auf dem Platz der Republik die zentralen Feierlichkeiten der Wiedervereinigung stattfanden. Als Bundespräsident von Weizsäcker, Bundeskanzler Kohl, Außenminister Genscher und die anderen Spitzen der deutschen Politik vor dem Reichstag standen und sie mit den vielen anwesenden Menschen die Nationalhymne sangen, war es nicht weniger als eine Zeitenwende deutscher Geschichte, die man dort beobachten konnte.

Fokus der Berliner Republik

Im Jahr 1991 entschied der Deutsche Bundestag, dass Berlin nicht nur formelle Hauptstadt des wiedervereinigten Deutschlands, sondern auch Regierungssitz sein sollte. 1995 wählte man ein Konzept zur Wiederinstandsetzung des Reichstags aus und beschloss den Bau einer neuen Kuppel, die sich vom ursprünglichen Gebäudeplan deutlich absetzte. Mit der gläsernen Kuppel sollte die Verbindung des Modernen mit der früheren parlamentarischen Tradition wie auch Transparenz gezeigt werden, da man von der Kuppel direkt in den Plenarsaal schauen kann. Seit dem Umzug der Bundesregierung im Jahr 1999 ist das Reichstagsgebäude wieder das, was es aus Sicht vieler Parlamentariergenerationen sein sollte: Sitz des frei gewählten Deutschen Bundestages und zentraler Ort des Parlamentarismus in unserem Land.

Ein Mahnmal

In seiner sehr wechselhaften Geschichte hat das Reichstagsgebäude die zentralen Wendungen deutscher Geschichte erlebt und verschiedene Zeichen künden von den Irrungen und Wirrungen der vergangenen 140 Jahre. Dabei ist dieser Ort durchaus mehr als ein Gebäude. Er ist vielmehr ein Mahnmal für das Gute und das Erschreckende, für die Größe und das Beschämende, für den Zusammenbruch und die wiederkehrende Hoffnung für unser Land geworden. Dies gilt auch heute noch. Dabei wird es stets an uns liegen, ob sich der Reichstag seinem Erbe und Auftrag stellen oder ob er doch wieder von den Kräften der extremen Flügel überwältigt werden wird.

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Über uns 
Björn Höfer ist Mitglied von Gegen Vergessen - Für Demokratie e.V. und promoviert in St Andrews und Potsdam im Bereich "Politischer Katholizismus zwischen Weimar und Bonn".

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