Der 23. Mai 1949. Der Parlamentarische Rat verkündet das Grundgesetz. Männer in Anzügen mit konzentrierten Gesichtern stehen dicht beieinander. Viele dieser Aufnahmen gehören heute zu den bekanntesten Bildern der frühen Bundesrepublik. Fotografiert wurden sie von einer Frau: Erna Wagner-Hehmke.
Demokratie wird nicht nur durch Gesetze vermittelt. Sie entsteht auch durch Bilder. Fotografien prägen, wie wir uns politische Systeme vorstellen und historische Ereignisse erinnern. Die Bilder von Erna Wagner-Hehmke beeinflussen bis heute unser Verständnis von der jungen Bundesrepublik.
Wer war Erna Wagner-Hehmke?
Erna Wagner-Hehmke wurde am 6. März 1905 in Breslau geboren. Nachdem Sie zwei Semester Fotochemie in Breslau studierte, eröffnete sie gemeinsam mit der Fotografin Anne Winterer die „Lichtbildwerkstatt Hehmke-Winterer“ in Düsseldorf. Ein darauffolgender Studienaufenthalt in Paris brachte sie in Kontakt mit der Kulturszene der Zeit. Künstler wie Otto Dix ließen sich von ihr porträtieren.
Ein Schwerpunkt ihrer Arbeit lag auf Industrie- und Architekturfotografie. Wagner-Hehmke wollte die Realität möglichst präzise festhalten. Ihre Fotografien wurden oft für Werbefotos genutzt.
Recherchen der Stiftung Haus der Geschichte ergaben, dass sie nach Aufhebung der vierjährigen Aufnahmesperre 1937 in die NSDAP eintrat. Über ihre Beweggründe, konkrete parteipolitische Tätigkeiten oder öffentliche Äußerungen ist bisher nichts bekannt. Auch während des Zweiten Weltkriegs arbeitete sie weiter als Fotografin.
Wie fotografierte sie Demokratie?
Im Sommer 1948 erhielt Erna Wagner-Hehmke den Auftrag der nordrhein-westfälischen Staatskanzlei, die Arbeit des Parlamentarischen Rates von seiner Gründung bis zur Ausarbeitung des Grundgesetzes zu dokumentieren.
Sie fotografierte die schwierigen Verhandlungen über die neue Verfassung, hielt bedeutende Momente fest und zeigte gleichzeitig den politischen Alltag. Ihre Bilder wirken selten inszeniert. Stattdessen erinnern sie an Reportagefotografien der 1920er: nah an den Personen und gleichzeitig aufmerksam für scheinbar beiläufige Situationen.
Wagner-Hehmke fotografierte nicht nur diskutierende Politiker. Sie zeigte auch informelle Gespräche in Cafés und Biergärten. Dadurch entstand ein anderes Bild von Politik, weniger inszeniert, dafür menschlicher und greifbarer.
Auch das einzige gemeinsame Porträt der „Mütter des Grundgesetzes“ stammt von ihr: Elisabeth Selbert, Helene Weber, Frieda Nadig und Helene Wessel wurden gemeinsam von Wagner-Hehmke fotografiert.
Doch ihr Blick richtete sich nicht nur auf die prominenten Akteur:innen. Auch Sekretärinnen, Kellner oder Fahrer tauchen in ihren Aufnahmen auf.
Der demokratische Prozess im Mittelpunkt
Im Mittelpunkt steht nicht das fertige Gesetz, sondern der Prozess: das Diskutieren, das Ringen, das gemeinsame Arbeiten. Oft fotografierte Wagner-Hehmke Gruppen statt Einzelpersonen. Demokratie erscheint dadurch als etwas Gemeinschaftliches und niemals Abgeschlossenes. Gleichzeitig vermitteln ihre Bilder eine Nähe zwischen Bevölkerung und Politik.
Ende der 1980er Jahre übernahm die Stiftung Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland rund 4.000 Aufnahmen Wagner-Hehmkes in ihre Sammlungen. Auf der Seite der Ausstellung „Der Weg zum Grundgesetz“, die 2024 gezeigt wurde, finden sich einige bedeutende Fotografien.: https://www.hdg.de/haus-der-geschichte/ausstellungen/der-weg-zum-grundgesetz-fotografien-von-erna-wagner-hehmke
Kontrast zur NS-Bildsprache
Die Fotografien Wagner-Hehmkes wirken wie ein Gegenbild zur nationalsozialistischen Bildsprache. Während die NS-Propaganda stark inszeniert war und häufig auf Monumentalität oder die Zentrierung des „Führers“ setzte, dokumentieren ihre Bilder politische Arbeit sachlich und aus der Nähe.
Nicht der einzelne Machthaber steht im Mittelpunkt, sondern die Gruppe. Nicht Größe und Inszenierung bestimmen die Wirkung der Bilder, sondern Diskussion, Zusammenarbeit und Alltag.
Politische Systeme zeigen sich also auch in der Art ihrer Darstellung.
Wie Bilder unser Verständnis prägen
Die Fotografien von Erna Wagner-Hehmke machten den demokratischen Neubeginn sichtbar. Bis heute prägen sie unsere Vorstellung davon, wie die Demokratie der jungen Bundesrepublik aussah.
Gleichzeitig verweist ihre Biografie auf eine grundsätzliche Ambivalenz der frühen Bundesrepublik. Der demokratische Neubeginn entstand nicht losgelöst von dem Nationalsozialismus, sondern inmitten persönlicher und gesellschaftlicher Kontinuitäten.
So bleiben auch Fragen offen: Fotografierte Wagner-Hehmke aus persönlicher Überzeugung? Oder war ihre Arbeit vor allem ein professioneller Auftrag?
Gerade diese Offenheit macht ihre Fotografien bis heute spannend. Denn sie zeigen nicht nur Demokratie. Sie werfen auch die Frage auf, wie Demokratie sichtbar gemacht wird.
Literatur:
https://www.hdg.de/haus-der-geschichte/ausstellungen/der-weg-zum-grundgesetz-fotografien-von-erna-wagner-hehmke
https://wwwalt.phil-fak.uni-duesseldorf.de/frauenarchiv/fka_neu/fotografinnen/moderne/wagner-hehmke.php
https://www.hdg.de/lemo/biografie/erna-wagner-hehmke.html


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