Demokratiegeschichten

„Frauenwahlrecht“ – Ein neuer Sammelband wirft Licht auf einen langen Kampf

Hedwig Richter und Kerstin Wolff zeichnen in ihrem neuen Sammelband „Frauenwahlrecht. Demokratisierung der Demokratie in Deutschland und Europa“ die Hintergründe und Vorgeschichten des Frauenwahlrechts nach. Was kann ich heute daraus mitnehmen?

 

Eine Europakarte des Frauenwahlrechts

Schlägt man den im letzten Jahr erschienenen Sammelband auf, fällt der Blick zuallererst auf eine große Europakarte. Von den einzelnen Staatsgebieten gehen Linien zu den jeweiligen Ländernamen, die wiederum auf einer Zeitachse angeordnet sind – gemäß dem Jahr, in dem dort das uneingeschränkte Frauenwahlrecht eingeführt wurde. Ganz vorne weg ist Finnland mit 1906, dann folgen bis 1920 eine ganze Reihe von Ländern. Die letzten Nachzügler reichen erstaunlich nah an unsere Gegenwart heran: Schweiz und Portugal in den 1970er Jahren, Liechtenstein sogar erst 1984. Einem wird unversehens klar, dass die Frage des Frauenwahlrechts kein fernes historisches Thema ist, sondern hochaktuell.

 

Die Männlichkeit der Demokratie

Diese Einschätzung findet man dann auch in den Texten des Bandes bestätigt. Das Frauenwahlrecht war und ist – so betonen die Autorinnen immer wieder – nichts Selbstverständliches und nichts, das vom Himmel gefallen ist. Ihm ging eine lange Geschichte der „Demokratisierung der Demokratie“ voraus. In den üblichen Erzählungen über die Demokratie sucht man danach jedoch häufig vergebens. Nicht selten werden die Frauen gänzlich ausgeklammert und die Entwicklung der Demokratie als Geschichte von Männern in Kriegen und Revolutionen erzählt. Die Demokratie wird in dieser Darstellung zu etwas Männlichem, genauso wie der Staat. Stark und selbstbeherrscht muss der ideale demokratische Staat sein, nicht etwa schwach und „weibisch“. So dachten viele bis weit hinein ins 20. Jahrhundert, und einige auch noch heute.

Oft kann man sich auch selbst dabei ertappen, wie man von den Idealen der frühen Demokratie schwärmt, ohne die politische Unterordnung der Frau zu bedenken. Von den Helden der Französischen Revolution zum Beispiel, die für Freiheit und Gleichheit brannten. Obwohl die Hälfte der Menschen komplett ausgeschlossen blieb! Kann man das einfach ausblenden? Wie kann man das erklären in Anbetracht des großen Versprechens der Demokratie, dass alle Menschen frei und gleich sind?

 

Eine neue Geschichte der Demokratie

Richter und Wolff sowie alle anderen Autorinnen und Autoren des Buches versuchen darauf eine Antwort zu geben. Ihr Ansatz: Wir müssen eine neue Geschichte der Demokratie schreiben – eine Geschichte des Frauenwahlrechts! Und das ist zwangsläufig eine Geschichte der unzähligen Frauen, die sich seit dem 19. Jahrhundert dafür eingesetzt haben.

Es ist ein Perspektivwechsel: Den Frauen wurde nichts geschenkt, weder von der Geschichte und schon gar nicht von den Männern. Das, was sie erreicht haben, mussten sie sich politisch erkämpfen. Um das nachvollziehen zu können, muss man sich in die Perspektive dieser Frauen begeben. Was konnte man damals tun? Der öffentliche Raum, in dem die Politik stattfand, galt als männlich, anders als der private Bereich, der den Frauen zugesprochen wurde. Häufig war es deshalb, so betonen Richter und Wolff, die halbprivate kommunale Ebene, auf der die Frauen einen Fuß in die Tür der Politik bekommen haben. Öffentliche Reden wurden als unangemessen für Frauen angesehen – was konnte man tun? Schreiben! Das taten ganz viele Frauen. Es entstand bis 1900 ein ganzes Genre der Frauenrechtsliteratur. So konnten die Frauen Stück für Stück einen Einfluss auf die öffentliche Meinung erlangen.

 

Eine demokratische Lehre – auch für Nicht-Historiker!

Das taten sie mit den verschiedensten Argumenten. Zum Beispiel mit der Behauptung, dass Frauen aufgrund ihrer Veranlagung zu Friedfertigkeit, Fürsorge und Mutterliebe die Welt verbessern würden, wenn sie die Politik einmal mitgestalten dürften. Mir als heutigem Leser kommen solche Argumente doch leicht befremdlich vor. Müssen Frauen erst ihre moralischen Werte beweisen, bevor sie einen Anspruch auf ihre Rechte haben? Warum müssen sich Männer nicht derart rechtfertigen? Aber die Lektüre des neuen Sammelbandes von Richter und Wolff lässt einen verstehen, dass es sich dabei um einen langen Kampf von Frauen um demokratische Gleichberechtigung handelte. Die Selbstverständlichkeit, mit der wir heute auf das Frauenwahlrecht schauen, ist ohne diese Vorgeschichte nicht vorstellbar.

Zudem, das machen die Autorinnen auch deutlich: Der Kampf um politische Gleichberechtigung war mit der Einführung des Frauenwahlrechts nicht beendet. Ungleichbehandlung und Repression gingen weiter und bieten bis heute Anlass zum politischen Kampf. Deshalb ist dieses Buch hochaktuell und auch für Nicht-Historiker eine gewinnbringende, inspirierende Lektüre. Für die heutige, krisengeschüttelte Zeit lernt man, dass gleiche Rechte und Demokratie erkämpft werden müssen und auf welchen Wegen das möglich ist. Dass man sich nicht zufrieden geben darf mit angeblichen Selbstverständlichkeiten. Und dass politische Partizipation etwas ausmacht, wenn auch häufig erst mittelfristig. Die Geschichte wiederholt sich nicht; wir können aber aus ihr lernen. 

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