Demokratiegeschichten

Ist der 17. Juni 1953 männlich?

Die Serie „17. Juni“ ist ein Kooperationsprojekt des Berliner Beauftragten zur Aufarbeitung der SED-Diktatur mit Gegen Vergessen – Für Demokratie e.V. Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Berliner Aufarbeitungsbeauftragten haben für den Blog geschrieben.


Am 17. Juni erinnern wir wieder an den Volksaufstand 1953 in der DDR. Die Proteste erreichten am 17. Juni 1953 ihren Höhepunkt und gleichzeitig ihr tragisches Ende. Sowjetische Truppen schlugen die Demonstrationen blutig nieder.

Streikende in Ost-Berlin am 17. Juni 1953, Bundesarchiv, Bild 146-2003-0031 / CC-BY-SA 3.0.

In der Erinnerung und auch in der wissenschaftlichen Forschung erscheint der Volkaufstand als Männerdomäne. Es geht um Bauarbeiter, die Protestresolutionen verfassen und zum Streik aufrufen, um Stahlarbeiter, die sich von Hennigsdorf auf den Weg nach Ost-Berlin machen, und um Streikführer, die mutig vorangehen und dafür auch ihr Leben riskieren. Auf Regimeseite zeigt sich ein ähnlich männliches Bild. Und auch in der Geschichtsschreibung zum Volksaufstand sind kaum Autorinnen zu finden. Ist der 17. Juni männlich oder wird er nur männlich erzählt? Es lohnt sich, einen Blick darauf zu werfen, in welchen Rollen Frauen am 17. Juni 1953 in Erscheinung traten.

Die 1950er Jahre – Frauen im Sozialismus

Der Aufstand am 17. Juni 1953 war ein Aufstand der Arbeitenden. Wo also spielen Frauen in der Arbeitswelt des Jahres 1953 eine Rolle?
Die gesellschaftliche Rolle der Frau änderte sich im Laufe des 20. Jahrhunderts drastisch. Der politische Kampf um Gleichberechtigung zeigte mit der Einführung des Frauenwahlrechts 1919 in Deutschland erste Erfolge. Doch dem Willen nach Emanzipation stand ein starres Frauenbild entgegen: Frauen hatten in erster Linie Hausfrauen und Mütter zu sein. Die kommunistischen Machthaber, die nach dem Zweiten Weltkrieg die politische und gesellschaftliche Entwicklung in der neugegründeten DDR bestimmten, schrieben sich die Gleichberechtigung von Mann und Frau auf die Fahnen. Insbesondere im Arbeitsleben sollten Frauen eine gleichberechtigte Position einnehmen, auch weil die DDR ihre Arbeitskraft dringend brauchte. Dies war allerdings nicht so schnell umzusetzen. Knapp die Hälfte der Frauen arbeitete, wie bereits vor der Gründung der DDR, als Hausfrau und Mutter. Die andere Hälfte der Frauen ging in den 1950er Jahren jedoch einer Erwerbstätigkeit nach, unter anderem als Bäuerinnen und Arbeiterinnen. Die politischen und sozialen Forderungen des 17. Juni 1953 betrafen also gleichermaßen Frauen und Männer.

Der rätselhafte Fall der Erna Dorn

Erna Dorn; Quelle: BStU, MfS, HA IX/11, ZUV, Nr. 75, Bd. 2, Bl. 143

Das Totenbuch für die Opfer des Volksaufstandes zählt lediglich vier weibliche Opfer. Drei davon waren sprichwörtlich zur falschen Zeit am falschen Ort, hatten also gar nicht aktiv am Protest teilgenommen. Die vierte Frau hingegen – Erna Dorn – wurde als „Rädelsführerin“ im Oktober 1953 hingerichtet [http://www.17juni53.de/tote/dorn.html]. Doch bis heute ist gerade dieser Fall rätselhaft und strotzt nur so vor Ungereimtheiten. Die SED instrumentalisierte Erna Dorn für ihre Propaganda. Sie sei eine berüchtigte Aufseherin im Frauenkonzentrationslager Ravensbrück gewesen und in Halle als Streikführerin am 17. Juni 1953 aufgetreten. Diese Geschichte passte gut in die SED-Propaganda, die den Volksaufstand als vom Westen initiierten „faschistischen Putsch“ zeichnete [https://www.stasi-mediathek.de/medien/schlussbericht-in-der-strafsache-erna-dorn/blatt/50/]. Bis heute ist die Lebensgeschichte von Erna Dorn und ihre tatsächliche Rolle beim Volksaufstand 1953 ungeklärt. Vieles spricht dafür, dass es sich um eine geistig verwirrte Frau handelte, die vom SED-Regime instrumentalisiert wurde und somit eher eine passive Rolle ausfüllte.

Journalistin unter Bauarbeitern

Ganz anders agierte Käthe Stern. Sie war 1953 Journalistin beim Neuen Deutschland, der Tageszeitung der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands (SED), und arbeitete seit einiger Zeit auf der Großbaustelle an der Stalinallee (heute Karl-Marx-Allee) in Ost-Berlin. Sie begleitete das prestigeträchtigste Bauvorhaben des SED-Regimes journalistisch.

In der Sonntagsausgabe des Neuen Deutschland am 14. Juni 1953 erschien ein Text von Käthe Stern und ihrem Kollegen Siegfried Grün, der wohl einer der am meisten zitierten Originaltexte ist. Er ist insofern erstaunlich, als dass er unter der Überschrift „Es wird Zeit, den Holzhammer beiseite zu legen“ kritisch mit Vertretern des Regimes ins Gericht ging: Das SED-Regime hatte höhere Arbeitsleistungen von den Arbeiter*innen gefordert. Doch diese seien – wie es im Artikel heißt – nur umzusetzen, wenn die Arbeiter*innen „von der Bedeutung dieser Maßnahmen für unseren Kampf um ein besseres Leben überzeugt“ seien. Einige Funktionäre der SED setzten jedoch „an die Stelle der Überzeugungsarbeit den Holzhammer“. Käthe Stern und Siegfried Grün hatten offenbar mit Bauarbeitern gesprochen. Diese berichteten, dass sie auch unter Druck gesetzt worden seien und deshalb höheren Arbeitsleistungen zugestimmt hatten.

In einem Rückblick auf den Volksaufstand berichtete Käthe Stern, dass sie von den Bauarbeitern als „halbe Portion“ wahrgenommen worden sei und deshalb Zutritt zu vielen Orten der Bauarbeiter gewann. Sie sei nicht ernst genommen und damit auch nicht als Bedrohung empfunden worden.

Die FDJ-Funktionärin

Margot Feist (später: Honecker),Bundesarchiv, Bild 183-08923-0001 / Rudolph / CC-BY-SA 3.0.

Käthe Stern ist nicht die einzige Frau, die den 17. Juni beobachtete. Auch die 26-jährige Margot Feist, die später Margot Honecker sein wird, verfolgte die Geschehnisse. Während des 17. Juni beobachtete die damalige Funktionärin der FDJ (Freie Deutsche Jugend) im Arbeiterbezirk Friedrichshain die Aufstände. Akribisch machte sie sich Notizen und gab diese später, mit einigen Namen versehen, an die Staatssicherheit weiter. Entgegen des verbreiteten Bildes zeigte sich: Auch Frauen nahmen aktiv am 17. Juni 1953 teil und füllten dabei unterschiedliche Rollen aus.

Aufstand der Arbeiterinnen

17. Juni 1953: Demonstrationszug der Stahlwerker von Hennigsdorf in Ost-Berlin; Foto: AdsD/ FES, Signatur: 6/FOTB001831

Am wenigsten wissen wir über die Frauen, die am 17. Juni 1953 zwischen ihren Kollegen auf die Straße gingen. Die Fotos des Volksaufstandes zeigen sehr wohl, dass auch Frauen an den Protesten teilgenommen haben. In der ersten Reihe des berühmt gewordenen Marsches der Hennigsdorfer Stahlarbeiter nach Ost-Berlin etwa sind Frauen zu sehen und auch der Reporter des Rias sprach in seiner Reportage über die Hennigsdorfer von „Männern und Frauen und Mädchen“.

Darüber hinaus finden sich einige Zeitzeuginnenbeschreibungen zum Volksaufstand. Renate Weiß arbeitete 1953 in einer Gärtnerei in Weißensee und schloss sich mit Kollegen den Demonstrationen an. Die 18jährige Edith Fiedler erlebte den Volksaufstand als Bauarbeiterlehrling in Ost-Berlin und Ingrid Kroschel, die in West-Berlin studierte, fuhr mit einer Freundin am 17. Juni 1953 in den Ostteil der Stadt, um sich selbst ein Bild von den Protesten zu machen und die Demonstrierenden zu unterstützen.

Die Frauen demonstrierten, teilweise gut sichtbar in der ersten Reihe. Warum also wissen wir so wenig über sie, warum tauchen sie in den Erinnerungen und wissenschaftlichen Studien noch immer kaum auf? Im Gegensatz zu einer Journalistin wie Käthe Stern zum Beispiel gaben Arbeiterinnen selten rückblickenden Selbstauskünfte. Das eint sie mit dem Großteil der männlichen Streikenden, über die wir ebenfalls nur wenig wissen.

17. Juni 1953 – Volksaufstand in der DDR

Sicherlich gibt es noch viele andere spannende Geschichten von Frauen zu erzählen, die den 17. Juni 1953 nicht nur erlebten, sondern die ihn auch mitgestalteten. Welche Rollen nahmen Frauen bei den Protesten ein? Welche Konsequenzen hatten sie zu tragen und wie änderten sich ihre Leben nach der Niederschlagung der Proteste? Warum tauchen sie in der Geschichtsschreibung nicht auf?

Im Jahr 2019 konstatierten drei amerikanische Historikerinnen, dass Geschichtsschreibung zur DDR und zur Bundesrepublik in den letzten Jahrzehnten weitgehend ohne geschlechter- und frauengeschichtliche Fragestellungen ausgekommen ist. Die Geschichte des Volksaufstandes in der DDR im Juni 1953 ist somit keine Ausnahme.

Doch deutlich wird: Frauen sind ein Teil des Aufstandes. Sie wurden instrumentalisiert, wie Erna Dorn, die in vielen Köpfen die einzige mit dem 17. Juni 1953 verbundene Frau ist. Sie beobachteten, wie Käthe Stern, die als Journalistin ganz nah dran war. Sie unterstützten das Regime mit ihren Beobachtungen, wie Margot Feist. Und sie vertraten ihre Forderungen, wie die zahllosen Arbeiterinnen in den Reihen der Demonstrierenden. Sie füllten am 17. Juni 1953 viele Rollen aus. Es lohnt sicherlich, sich auf die Suche nach diesen Geschichten zu machen und damit auch das ein oder andere festgefügte Bild vom Volksaufstand zumindest zu hinterfragen.

Andrea Bahr ist Referentin für historisch-politische Bildung beim Berliner Beauftragten zur Aufarbeitung der SED-Diktatur.

Michèle Matetschk ist studentische Mitarbeiterin in der historisch-politischen Bildung beim Berliner Beauftragten zur Aufarbeitung der SED-Diktatur.

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