Demokratiegeschichten

Maria Meyer-Sevenich als Vorbild für die deutsche Demokratie

Sehr viele bedeutende Politiker aus der frühen Nachkriegszeit sind heute weitgehend vergessen. Zu ihnen gehören auch Minister, Parteivorsitzende und viele Mütter und Väter des Grundgesetzes. Wesentlich bedenklicher sieht es aber noch mit Politikern aus, die nur in der zweiten Reihe standen oder die nach kurzer Zeit keine größere Rolle in der Bundespolitik mehr einnahmen. Damit geht ein großer Teil des politischen Erbes der frühen Nachkriegsära verloren. Dies ist umso beschämender, weil gerade die späten 40er Jahre in Westdeutschland politisch so vielseitig waren wie kaum eine Zeit zuvor oder danach. Jene wenigen Jahre zwischen Kriegsende und Gründung der Bundesrepublik bilden gewissermaßen ein großes Potpourri an Ideen, Wünschen, Vorstellungen, Träumen und Zielen – selten realistisch, oft fernab der Wirklichkeit.

Kaum jemand kann die Vielseitigkeit dieser Ära so gut abbilden wie die Politikerin, Autorin, politische Rednerin, Untergrundkommunistin und Katholikin Maria Sevenich (1907-1970), die heute den meisten Deutschen unbekannt ist. Dennoch gehört sie zu den schillerndsten Figuren, die die deutsche Politik je hervorgebracht hat.

Von den Sozialdemokraten zu den Kommunisten

Sevenich stammte wie Adenauer und viele andere frühe Politiker der CDU aus Köln. Ihr Weg sollte jedoch gänzlich anders als der des ersten Bundeskanzlers verlaufen. Ihre Eltern waren katholisch geprägt, Industriearbeiter und aktive SPD-Mitglieder. Maria Sevenich setzte sich schon früh mit der Literatur der Arbeiterbewegung auseinander und fand über die Schriften August Bebels, des Urvaters der deutschen Sozialdemokratie, zum Sozialismus und zur SPD. Durch ihren Fleiß und ihre große intellektuelle Begabung schaffte sie es, nach ihrer Ausbildung mit Hilfe eines Stipendiums noch ein Studium der Rechtswissenschaften zu beginnen. Dieses konnte sie aber aufgrund ihrer politischen Einstellung in Nazideutschland nicht vollenden.

Politisch radikalisierte sie sich zusehends im linken Teil des politischen Spektrums. Sie gehörte bald zum linken Flügel der SPD und wechselte Ende der 20er Jahre zur Sozialistischen Arbeiterpartei Deutschlands über, einer Splitterpartei zwischen SPD und KPD, der zum Beispiel auch der junge Willy Brandt angehörte. 1933 wechselte sie erneut und trat formal der Kommunistischen Partei Deutschlands bei, obwohl es nicht belegt ist, dass sie hier großes Engagement zeigte.

Im Untergrund und im Gefängnis

Über ihr Wirken in der NS-Zeit wissen wir nur sehr wenig und dies lediglich aus ihren eigenen Erinnerungen. Mit den Funktionären der KPD kam sie nie zurecht und sie war schockiert über die Auswüchse des stalinistischen Terrors und der Säuberungswellen in der Sowjetunion der 30er Jahre. 1936 hatte sie nach eigenen Aussagen ein religiöses Erweckungserlebnis. Vorher war sie nur formell Katholikin gewesen. Für den Rest ihres Lebens spielte der Glaube aber eine sehr zentrale Rolle in ihrem Leben und die meisten ihrer politischen Schriften sind religiös fundiert. Ihre Ablehnung klassischer Hierarchien behielt sie aber auch in ihrem Glaubensleben bei. So wurde sie nie müde, die katholische Amtskirche teils scharf zu kritisieren.

Schon kurze Zeit nach der Machtübertragung an die Nationalsozialisten wurde sie denunziert und mehrfach verhaftet, jedoch bald wieder freigelassen. Sie floh in die Schweiz und zog 1936 nach Frankreich. Hier erlebte sie den Beginn des Weltkrieges und wurde 1942 erneut verraten und verhaftet. Sie schreibt später, dass sie großes Glück hatte, nur zwei Jahre Zuchthaus bekommen zu haben. Sie selbst hätte eher mit einem Todesurteil gerechnet.

Engagement in der linken CDU Hessen

Das Ende des Krieges erlebte sie in Frankfurt am Main und Darmstadt. Hier traf sie andere prominente linke Katholiken wie die Publizisten Walter Dirks und Eugen Kogon, den späteren hessischen Finanzminister Werner Hilpert und andere Vertreter einer sehr links geprägten Christdemokratie, die schon an der Gründung der CDU Frankfurts arbeiteten. Dieser Verband sollte eine der bedeutendsten Keimzellen der späteren CDU Deutschlands werden. Das Programm dieser Gruppe war auf die Idee eines „christlichen Sozialismus“ ausgerichtet, die umfassende Verstaatlichungen und eine starke Kontrolle des Staates über die Wirtschaft einforderte und mit der sich auch Sevenich anfreunden konnte.

Zu dieser Zeit entstanden in ganz Deutschland ähnliche Verbände, die aber noch nicht zentral organisiert und deshalb auch sehr unterschiedlich in Organisation und Programmatik waren. Ende 1945 kam es in Bad Godesberg nahe Bonn zum ersten Treffen von Delegierten der einzelnen Verbände. Zu Gast war auch der frühere Oberbürgermeister von Köln, Konrad Adenauer, der sich aber an keiner Stelle besonders bei der Zusammenkunft hervortat. Maria Sevenich war hingegen eine der herausragenden Personen der Veranstaltung.  Sie war eine der wenigen Redner und die einzige Frau, die einen Vortrag halten sollte. In Hessen wurde sie für die CDU Mitglied des Beratenden Landesausschusses und später der verfassungsgebenden Landesversammlung, beides Vorläufer des heutigen hessischen Landtages.

Aber auch im gesamten Gebiet der Westzonen wurde sie bekannt und eine der beliebtesten Wahlkampfrednerinnen. Sie bestach durch ihr Redetalent und ihre Schlagfertigkeit. Gleichzeitig veröffentlichte sie Texte und programmatische Schriften, arbeitete oft bis zur Erschöpfung. In dieser Zeit begann aber auch ihr langsamer Abstieg in der CDU Hessen.

Die Affäre Maria Sevenich – Abschied aus Hessen

Es fing an mit einem Missverständnis. Mitte 1946 erschien ein Artikel über angebliche Äußerungen Sevenichs über die Fehler der Besatzungspolitik der Amerikaner. Die CDU-Landesleitung bat sie aus Vorsicht bis auf weiteres auf Auftritte zu verzichten, bis sich der Trubel und die Proteste um die Angelegenheit etwas gelegt hatten. Sevenich witterte eine Intrige gegen sich und trat in den Kontakt mit dem CDU-Landesvorsitzenden Hilpert. In dem sehr umfangreichen Briefwechsel der beiden versuchte Hilpert sie zu beruhigen und in Hessen zu halten, da er ihre Arbeit und ihr Talent durchaus schätzte. Er wollte aber auch keinen Streit in der noch jungen CDU anzetteln, indem er sich einseitig auf ihre Seite stellte. In den folgenden Monaten schien er immer überforderter mit der Situation zu sein, da Sevenich sich ihres politischen Marktwertes sehr bewusst war und Forderungen stellte, die Hilpert nicht erfüllen konnte bzw. wollte. Mehrere Treffen zwischen den beiden fanden nicht statt, da sie eine Aussöhnung immer weiter hinauszögerte. Außerdem hielt sie diverse Male Absprachen mit Hilpert nicht ein, sodass Hilpert auch von anderen Seiten Beschwerden über sie erhielt.

Es zeigte sich immer mehr, dass Sevenich schon länger mit ihrer Landespartei und der großen Koalition in Hessen gehadert hatte, da sich ihrer Ansicht nach die SPD nicht genug vom Kommunismus in Osteuropa distanzierte. So entschloss sie sich im Laufe der Zeit dem Werben Konrad Adenauers nachzukommen, der sie als Politikerin und Rednerin für die britische Besatzungszone gewinnen wollte. Das Ende in Hessen erfolgte in einem theatralischen Akt, als Sevenich nach Niedersachsen ging, um für den dortigen Landtag zu kandidieren und der Landesführung mitteilte, dass sie sich ungerecht behandelt fühlte und ihr die Schuld an ihrem Fortgang gab.

Helferin Adenauers in Niedersachsen

Lange blieb es aber nicht ruhig: Im November 1946 kam sie wiederum in die Schlagzeilen, als sie einen 30-tägigen Hungerstreik begann, um gegen die schlechte Nahrungsversorgung der Zivilbevölkerung durch die Besatzungsmächte zu protestieren. Politiker wie Adenauer versuchten sie aus Sorge um ihre Gesundheit davon abzuhalten, aber Sevenich ließ sich nicht von ihrem Plan abbringen. In dieser Zeit fand sie auch ihr persönliches Glück. Anfang 1947 heiratete sie Werner Meyer, den damaligen Landesvorsitzenden der Jungen Union in Niedersachsen und führte fortwährend den Doppelnamen Meyer-Sevenich.

Lange ging es für sie aber auch nicht in der CDU der britischen Zone gut. Unter der Führung Konrad Adenauers öffnete sich die CDU immer mehr der Marktwirtschaft, gestaltete ihr Programm konservativer und wirtschaftlich liberaler und entfernte sich weiter von den sozialistischen Ideen der alten Frankfurter CDU. Viele der frühen Weggefährten Meyer-Sevenichs hatten zu diesem Zeitpunkt die Union schon verlassen oder ihre Führungspositionen verloren. Eine besondere Fehlentwicklung war für sie insbesondere die Währungsreform im Jahr 1948, die ihrer Ansicht nach gerade den kleinen Geschäftsleuten und der ärmeren Bevölkerung schaden müsste.

Im Sommer 1948 erklärte Meyer-Sevenich schließlich noch einmal mit großer Dramatik öffentlich ihren Austritt aus der CDU. Es kommt zu vereinzelten Protesten in der Partei, aber es wird deutlich, dass die CDU eine andere war als einige Jahre zuvor und sich von ihr weg entwickelt hatte. Der hessische Politiker und spätere Bundesaußenminister Heinrich von Brentano zeigte sich erleichtert, dass die Angelegenheit endlich zu einem Ende gekommen war und Konrad Adenauer bekannte in Briefen, dass ihn der Trubel um Sevenich nur noch langweilen würde.

Neustart in der SPD und Rückkehr zur Christdemokratie

Meyer-Sevenich war aber immer noch Abgeordnete im niedersächsischen Landtag. Zuerst blieb sie fraktionslos und entschloss sich im späten Jahr 1949 zum Eintritt in die SPD, die sich ihrer Ansicht nach inzwischen ausreichend von der SED in der Ostzone und der Sowjetunion distanziert hatte. Für die SPD war es ein großer Triumph, eine so prominente frühere Christdemokratin in ihre Reihen aufnehmen zu können.

Sie blieb weiterhin Mitglied des Landtags und wurde 1965 Landesministerin für Bundesangelegenheiten und Vertriebene. Hier profilierte sie sich als lautstarke Unterstützerin der Flüchtlinge und Vertriebenen und machte sich dabei auch unter ihren Kollegen in der SPD nicht nur Freunde, sodass sie nur zwei Jahre im Amt blieb. In dieser Zeit muss sie auch einen der größten Schicksalsschläge ihres Lebens verkraften. Ihr Ehemann Werner Meyer nahm sich 1963 das Leben. Die genauen Gründe wurden nie öffentlich geklärt.

1970 brach sie ein letztes Mal mit einer Partei, als sie aus Protest gegen die Brandt‘sche Ostpolitik zurück zur CDU ging. Damit brachte sie fast den damaligen Ministerpräsidenten Diederichs um sein Amt, da mit ihrem Wechsel innerhalb der Großen Koalition nun die Union der stärkere Partner war und den Ministerpräsidenten hätte stellen können. Zu diesem letzten Finale kommt es aber nicht mehr, da Meyer-Sevenich am 3. März 1970 an den Folgen ihrer Diabeteserkrankung starb.

Maria Sevenich im Spiegel ihrer Zeit

Maria Meyer-Sevenich gehört sicher zu den schillerndsten politischen Figuren der Bundesrepublik. Sie war eine brillante Denkerin und Rednerin und hat auf ihre Weise einen großen Einfluss auf die politische Themensetzung der frühen Nachkriegsjahre gehabt. Sie war gewissermaßen eine christkonservative Linke und eine der sehr wenigen führenden Frauen in der Politik der frühen Nachkriegspolitik. Jedoch sie war sich ihres Könnens auch stets sehr bewusst und erwartete entsprechend von anderen Personen und Institutionen behandelt zu werden. Gerade dieser schon fast divenhafte Charakterzug machte es für Sevenich sehr schwierig, dauerhaft in einer Gliederung Fuß zu fassen. Das in der Politik so wichtige Bauen von Netzwerken blieb ihr aus diesem Grund auch weitestgehend fremd.

Dennoch ist ihre Vorbildfunktion für die deutsche Demokratie dadurch nicht einmal im Ansatz gemindert. Sie, die frühere Kommunistin, wurde zur glühenden Demokratin, die trotz ihrer sozialistischen Überzeugungen eine radikale Gegnerin des sowjetischen Totalitarismus blieb. Sie wurde zu einem gelungenen Beispiel der Integration von früheren Gegnern der Republik in die demokratische Ordnung der Nachkriegszeit. Zuletzt war sie aber auch immer eine Überzeugungstäterin, die stets größeren Wert auf ihre eigenen Ideale als auf die Parteiraison legte. Es mag sein, dass sie die Aufmerksamkeit in der Öffentlichkeit genoss und brauchte. Es wäre trotzdem falsch, ihr Wirken darauf zu reduzieren. In den meisten Hinsichten war sie eine Politikerin, die ihre politischen Vorstellungen in einer Ära beibehielt, in der sich politische Überzeugungen in einem geradezu rasanten Wandel befanden. So wirkte sie mit ihren Thesen und Themen innerhalb weniger Jahre erstaunlich aus der Zeit gefallen. Ob das zum Vorbildstatus reicht, mag einmal dahingestellt sein. Aber in einer Zeit, in der viele glauben, dass politische Inhalte immer mehr verschwimmen und austauschbar sind, ist sie vielleicht gerade deswegen jemand, die ein größeres Andenken in unserer Gesellschaft verdient hätte.

Artikel Drucken
Markiert in:, ,
Über uns 
Björn Höfer ist Mitglied von Gegen Vergessen - Für Demokratie e.V. und promoviert in St Andrews und Potsdam im Bereich "Politischer Katholizismus zwischen Weimar und Bonn".

0 Kommentare

Kommentar schreiben

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.