Demokratiegeschichten

Marie Juchacz‘ realistischer Blick auf die Gleichberechtigung

Wir Frauen sind uns sehr bewusst, dass in zivilrechtlicher wie auch in wirtschaftlicher Beziehung die Frauen noch lange nicht die Gleichberechtigten sind. Wir wissen, dass hier noch mit sehr vielen Dingen der Vergangenheit aufzuräumen ist, die nicht von heute auf morgen aus der Welt zu schaffen sind. Es wird hier angestrengtester und zielbewusstester Arbeit bedürfen, um den Frauen im staatsrechtlichen und wirtschaftlichen Leben zu der Stellung zu verhelfen, die ihnen zukommt.

Marie Juchacz, 19.02.1919; Quelle: Reichstagsprotokolle, 1919/20,1, S. 178.

Als Marie Juchacz am 19. Februar 1919 eine Rede vor der Nationalversammlung hielt, hatte sie allen Grund zur Freude. Denn sie sprach als erste Frau, als erste gewählte weibliche Abgeordnete vor einem gesamtdeutschen Parlament. Die Wahl zur Nationalversammlung war die erste in Deutschland erste, an der Frauen ein aktives und passives Wahlrecht ausüben konnten.

Davon machten sie Gebrauch: Über 80 Prozent der Frauen gaben ihre Stimme ab. Und immerhin 37 von 300 Kandidat:innen wurden ins Parlament gewählt. Das entsprach einem Anteil von neun Prozent im Parlament.

Was mir an dieser Passage aus Juchacz Rede gefällt, ist ihr Realismus. Zwar war sie sich der historischen Bedeutung dieses Augenblicks bewusst. Die Ausübung des Wahlrechts durch Frauen sah sie als einen Gewinn, der Frauen selbstverständlich zustand. Doch ließ sie keinen Zweifel daran, dass noch längst nicht alle Ziele der Gleichberechtigung erreicht waren. Stattdessen sieht sie die Herausforderungen, die vor ihr und anderen Frauen liegen. Weder pessimistisch, noch übermäßig optimistisch ist das – sondern realistisch nach vorne gewandt.

Ein Zitat aus einer Rede, wie man es auch heute noch im Bundestag geben könnte.


Mehr zum Thema Gleichstellung von Frauen und Männern findet sich beispielsweise auf der Seite der Bundesregierung zum „Ziel nachhaltiger Entwicklung„.

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Über uns 
Annalena B. arbeitet bei Gegen Vergessen - Für Demokratie e.V. als Projektkoordinatorin im Bereich Demokratiegeschichte.

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