Demokratiegeschichten

1956: Das Jahr der Aufstände – Ungarischer Volksaufstand

Vor 70 Jahren begann in Polen und Ungarn eine Welle von Protesten, in denen viele Menschen politische Mitsprache, bessere Lebensbedingungen und ein Ende staatlicher Bevormundung forderten. Der Blog Demokratiegeschichten widmet sich diesen Ereignissen in der Reihe„1956 : Das Jahr der Aufstände“.

Die Proteste in Poznań, Warschau und Budapest waren keine isolierten Aufstände. Vielmehr standen sie für ein gemeinsames Ringen um politische Teilhabe und gesellschaftliche Selbstbestimmung.


Zwei Tage nach der Wahl Gomułkas zum Ersten Sekretär der
Polnischen Vereinigten Arbeiterpartei (PVAP) gingen in Budapest Studierende auf die Straße. Was als friedliche Kundgebung begann, wurde binnen Stunden zum landesweiten Aufstand. Der Ungarische Volksaufstand zeigt, wie schnell aus der Forderung nach Reformen ein Ruf nach Freiheit werden kann und wie weit die Sowjetunion ging, um ihren Machtbereich zu sichern.

Der Polnische Oktober hatte gezeigt, was Protest bewirken kann. In Ungarn setzte sich diese Kette fort, doch sie endete anders.

Die Vorgeschichte

Seit dem Zweiten Weltkrieg stand Ungarn unter sowjetischem Einfluss. Unter Mátyás Rákosi entstand eine repressive Diktatur. Fast ein Zehntel der Bevölkerung wurde verhaftet, mehrere Tausend Menschen wurden hingerichtet.

Nach Stalins Tod 1953 drängte Moskau auf Reformen. Neuer Ministerpräsident wurde Imre Nagy, der einen „nationalen und menschlichen Sozialismus“ propagierte. Er schaffte Internierungslager ab, lockerte die Zwangskollektivierung und gewährte mehr Medienfreiheit. Doch schon 1955 wurde er abgesetzt, weil sein Kurs der sowjetischen Führung zu weit ging.

Der 23. Oktober

Am 16. Oktober 1956 gründete sich in Szeged ein unabhängiger Studierendenverband. Wenige Tage später forderten Tausende Studierende an der Technischen Universität Budapest Reformen. Am 23. Oktober zogen sie durch die Stadt, auch als Zeichen der Solidarität mit der Reformbewegung in Polen.

Zehntausende schlossen sich an. Vor dem Parlament versammelten sich etwa 200.000 Menschen. Sie forderten die Rückkehr Imre Nagys, ein Mehrparteiensystem, freie Wahlen und die Unabhängigkeit von der Sowjetunion.

Am Abend eskalierte die Lage. Polizeikräfte schossen auf Demonstrierende, zahlreiche Menschen starben. Daraufhin bewaffneten sich Aufständische, besetzten das Rundfunkhaus und verbreiteten von dort aus ihre Forderungen. Sogar Einheiten der Armee schlossen sich dem Protest an.


Gestürztes Stalin-Denkmal in Budapest im Oktober 1956; Foto: CC BY-SA 3.0.

Zwischen Hoffnung und Eskalation

Noch in der Nacht rückten sowjetische Einheiten in Budapest ein. Es kam zu schweren Straßenkämpfen, und binnen eines Tages griff der Aufstand auf das ganze Land über. Nagy wurde Ministerpräsident.

Ende Oktober schien der Aufstand erfolgreich. Am 29. Oktober zogen sowjetische Truppen aus Budapest ab. Nagy kündigte die Auflösung der Staatssicherheit an und erklärte das Ende der Einparteienherrschaft. Am 1. November proklamierte er die Neutralität Ungarns und den Austritt aus dem Warschauer Pakt.

Anders als Gomułka in Polen stellte Nagy damit das Bündnis infrage, auf dem die sowjetische Kontrolle beruhte. Moskau hatte bereits Truppen in Marsch gesetzt, obwohl sich offiziell auf Verhandlungen eingelassen wurde.

Der 4. November

Am 4. November marschierten 15 sowjetische Divisionen mit rund 2.000 Panzern in Ungarn ein. Die Aufständischen leisteten erbitterten Widerstand, hatten aber kaum Waffen und Munition. Die erhoffte Hilfe aus dem Westen blieb aus. Sowohl die Suezkrise als auch die Sorge vor einer Eskalation des Kalten Krieges, verhinderte eine vereinte Reaktion der Westmächte.

Je nach Quelle starben bis Mitte November circa. 2.700 Ungar:innen sowie rund 700 sowjetische Soldaten. Mehr als 200.000 Menschen flohen, die meisten über die österreichische Grenze.

Nach dem Aufstand

Kádár wurde am 4. November neuer Ministerpräsident. Unter seiner Regie folgte eine Verfolgungswelle mit etwa 35.000 Gerichtsverfahren und mehr als 200 Todesurteilen. Zehntausende Menschen kamen in Internierungslager. Imre Nagy wurde 1958 hingerichtet.


Über die Brücke von Andau flohen 1956 zehntausende Ungar*innen nach Österreich. Foto: Steindy

Der Aufstand wurde in Ungarn zum Tabuthema und galt offiziell als Konterrevolution. Erst 1989 sprach erstmals ein ungarischer Politiker von einem Volksaufstand.

Die DDR im Herbst 1956

Auch die DDR stellte sich nach der Niederschlagung hinter die neuen Machthaber. Sie beteiligte sich daran, die politischen Verhältnisse in Ungarn zu stabilisieren. In Betrieben wurden Geld, Lebensmittel, Kleidung und Medikamente gesammelt, und ein Hilfskomitee plante, ungarische Kinder in Ferienheimen und Familien unterzubringen. Im Dezember traf sich Ministerpräsident Otto Grotewohl mit Kádár, der sich später für die Unterstützung bedankte.

Da die Hilfe vor allem der politischen Stabilisierung des neuen Regimes diente, hatten die Menschen, die in Budapest für Freiheit auf die Straße gegangen waren, kaum etwas davon.

Der dritte Akt des Protestjahres

In Polen erzwang der Druck der Straße einen Wechsel an der Staatsspitze. In Ungarn hingegen hielt die Protestwelle an, bis sie gewaltsam niedergeschlagen wurde. Beide Ereignisse machen deutlich, wie sehr die Machthaber fürchteten, ihre Legitimität durch den Aufstand der Bevölkerung zu verlieren, und mit welcher Härte sie versuchten, dem entgegenzutreten. Der nächste Beitrag der Reihe widmet sich dem Gedenken an die Aufstände von 1956.


Die Blogreihe „1956 – Das Jahr der Aufstände“ untersucht die Proteste in Polen und Ungarn sowie die Reaktionen in der DDR. Im Mittelpunkt steht die Frage, wie sich in diesen Ereignissen der Verlust gesellschaftlicher Legitimität der kommunistischen Diktatur zeigte.

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Über uns 
Lilian B. arbeitet bei Gegen Vergessen - Für Demokratie e.V. als studentische Hilfskraft.

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