Demokratiegeschichten

Mehr Rechte für die Kolonien: Die Dibobe-Petition

Eine Petition, das ist eine Eingabe oder eine Bittschrift an eine zuständige Behörde oder Volksvertretung. Wie eine Bitte klingt das Schreiben, dass sich im Juni 1919 an die Weimarer Nationalversammlung richtet, allerdings nicht. In der Dibobe-Petition heißt es unter anderem:

Die Eingeborenen verlangen Selbständigkeit und Gleichberechtigung, wie es jetzt in der neuen sozialen Republik in Deutschland eingeführt ist.

32 Forderungen der Afrikaner in Deutschland, Punkt 1; https://blackcentraleurope.com/sources/1914-1945/petitionen-an-die-deutschen-behorden-1919/

Selbstständigkeit und Gleichberechtigung – das sind in der Tat Werte, auf die die noch junge Republik sich stützen will. Dass diese allen zukommen – nun dürfen sogar Frauen wählen! – eine Selbstverständlichkeit.

Oder?

Martin Dibobe – Berlins erster afrikanischer Lokführer

Martin Dibobe – Namensgeber der Petition – wird 1876 als Quane a Dibobe in Bonapriso (Kamerun) geboren. Zu diesem Zeitpunkt war Kamerun eine deutsche Kolonie. Den Namen Martin erhält Dibobe später von deutschen Missionaren, die den Jungen taufen.

1896 kam Dibobe gemeinsam mit 95 weiteren Afrikaner*innen nach Berlin. Die meisten hatten sich erhofft, durch die Anwerbung bessere Bildungschancen in Deutschland zu erhalten. Zunächst waren sie jedoch für sechs Monate Teil der Kolonialausstellung der Berliner Gewerbeausstellung im Treptower Park. Leicht bekleidet und in nachgebauten afrikanischen Dörfern sollten sie dort das Alltagsleben in Afrika darstellen. Und so die deutsche Bevölkerung für den Kolonialismus gewinnen und die Neugierde der Besucher*innen befriedigen.

Martin Dibobe im Kreis von Kollegen, 1903; Foto: Historisches Archiv der BVG

Nach Ende der Ausstellung entschließt sich Dibobe, in Berlin zu bleiben. Begeistert von den modernen Bahnen beginnt er eine Ausbildung bei der Berliner Hochbahn. Nach erfolgreichem Abschluss ist er zunächst als Zugbegleiter und Schaffner, später als Zugführer 1. Klasse tätig. Damit ist Dibobe der erste afrikanische Zugführer Berlins – er wird zu einer lokalen Berühmtheit.

Bald schon hat sich Dibobe in Berlin eingelebt: 1901 heiratet er Helene Noster, die Tochter seines Vermieters. Auch politisch wird er aktiv und sympathisiert offen mit der Sozialdemokratie.

Reise nach Kamerun und Kampf für gleiche Rechte in Deutschland

1906/07 reist Dibobe im Auftrag der Reichsregierung nach Kamerun. Dort soll er als Berater beim Bau der dortigen Eisenbahn helfen und zugleich als Friedensstifter fungieren. Doch während seines Aufenthalts holen ihn die Ungerechtigkeiten des Kolonialsystems wieder ein. Mehrere Stammeshäuptlinge beschweren sich über die Gräueltaten der Kolonialbehörden an der Bevölkerung. Körperstrafen und Misshandlungen, Zwangsarbeit und Enteignung sind keine Seltenheit.

Zurück in Deutschland wird Dibobe aktiv im Kampf für die gleichen Rechte von Afrikaner*innen. Er setzt sich u.a. in der 1914 gegründeten Liga für Menschenrechte ein und engagiert sich weiter für die Sozialdemokratie. Von ihren Vertretern erhofft er sich eine Verbesserung der Verhältnisse in den Kolonien.

Doch sein bedeutendstes politisches Zeugnis ist ohne Zweifel die Eingabe der “32 Forderungen der Afrikaner in Deutschland”. Eben jene später nach ihm benannte Petition. Statt die Unabhängigkeit der Kolonien zu fordern, stellen Dibobe und die anderen Verfasser sich bewusst unter die Autorität der Nationalversammlung. “Unverbrüchliche Treue” geloben sie der jungen Republik – doch verlangen sie tatsächlich eine kleine Revolution. Nämlich die gleichen Rechte für Einwohner*innen der Kolonien, wie sie alle deutschen Staatsbürger*innen genießen. Und die den Menschen in Kamerun und den anderen Kolonien zustehen sollten, wenn die Republik tatsächlich ihre Werte hochhalten und umsetzen will.

Unter den neuen Rechten, die Dibobe und seine 17 Mitunterzeichner fordern, sind beispielsweise das Ende der Prügelstrafe und der Zwangsarbeit. Und ebenso die ständige Repräsentation durch einen afrikanischen Abgeordneten in der Nationalversammlung oder im Reichstag:

[…], welchen wir unsere Interessen und Wünsche voll und ganz anvertrauen können, welcher uns versteht und nach unserer Überzeugung das Wohl und Wehe unserer Heimat am richtigsten zu schützen und zu handhaben versteht. Wir wählen hierzu unseren Dualamann Martin Dibobe, Berlin Danziger Str. 98, der uns als umsichtig und verständig bekannt ist.


32 Forderungen der Afrikaner in Deutschland, Punkt 31; https://blackcentraleurope.com/sources/1914-1945/petitionen-an-die-deutschen-behorden-1919/

Ungehört und unerfüllt

Einweihung der Gedenktafel 2016
Enthüllung der Gedenktafel an Dibobes früherem Gedenkhaus im Prenzlauer Berg.

Der Protest der Gruppe läuft ins Leere. Weder die Weimarer Nationalversammlung noch das zuvor angeschriebene Reichskolonial Ministerium antworten auf ihre Petition.

Wenig später tritt der Versailler Vertrag in Kraft und Deutschland verliert in dessen Folge all seine Kolonien. Somit geht jede Hoffnung auf Anhörung der Forderungen verloren.

Für Martin Dibobe führt seine Beteiligung schließlich noch zu einer tragischen Wendung. 1919 verliert er seine Stellung bei der Berliner Hochbahn. Als er sich 1922 entscheidet, mit seiner Familie nach Kamerun zurückzukehren, lassen ihn die französischen Behörden (Frankreich hat die Kolonie übernommen) nicht einreisen. Dibobe ist ihnen als politischer Unruhestifter bekannt. Notgedrungen zieht er nach Liberia weiter. Hier verliert sich seine Spur, seit 1922 gilt er als verschollen. Auch sein Name gerät zunehmend in Vergessenheit.

Erinnerung an Dibobe

Erst knapp 100 Jahre später erinnert eine Gedenktafel an Martin Dibobe, seine Mitstreiter und die von ihnen verfasste Petition. Initiiert wurde die Tafel von dem Verein “Berlin Postkolonial“, der Verein setzt sich für die Offenlegung kolonialrassistischer Denk- und Gesellschaftsstrukturen ein.

Die Gedenktafel an der Kugeler Straße 44 in Berlin, Prenzlauer Berg; Foto: OTFW/wikimedia.

Es ist ein Anfang, ein erster Schritt Richtung Erinnerung. Kolonialgeschichte ist nach wie vor ein schweres und schwer umkämpftes Thema. Aber für uns ist klar: Auch wenn die Dibobe-Petition scheiterte, ist sie zweifellos Teil der deutschen Demokratiegeschichte und sollte genau wie ihre Verfasser in die öffentliche Erinnerung einbezogen werden. Von heute aus gesehen ist die Ignoranz, mit der die Weimarer Republik auf die Petition reagierte, kein Ruhmesblatt für die junge Demokratie. Doch gerade diese Ambivalenz gehört zur Demokratie(geschichte) dazu und sollte dargestellt werden.

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Über uns 
Annalena B. arbeitet bei Gegen Vergessen - Für Demokratie e.V. als Projektkoordinatorin im Bereich Demokratiegeschichte.

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