Demokratiegeschichten

Frauen für den Frieden

Spielzeugpanzer im Kindergarten, Besuch von Kasernen der Nationalen Volksarmee, Wehrkundeunterricht als Pflichtfach. Das alles und mehr war zu Beginn der 1980er Jahre in der DDR normal. Schließlich befand man sich im Kalten Krieg, das Wettrüsten zwischen den USA und Verbündeten sowie der Sowjetunion hielt an.

In diesem angespannten Klima erließ die DDR-Staatsführung im März 1982 ein neues Wehrpflichtgesetz. Noch stärker als zuvor wurden Jugendliche in Schulen, Berufsschulen und an Universitäten auf den Wehrdienst vorbereitet. Außerdem konnte im Verteidigungsfall eine neue Bevölkerungsgruppe in die allgemeine Wehrpflicht eingezogen werden: die Frauen.

Gegen diese Reform formierte sich Widerstand. In Ostberlin formulierte eine Gruppe von sieben Frauen – Bärbel Bohley, Irena Kukutz, Katja Havemann, Karin Teichert, Bettina Rathenow, Almut Ilsen und Ulrike Poppe – ihren Protest. Die gemeinsame Eingabe im Oktober 1982 an den Staatsratsvorsitzenden Erich Honecker gilt als Gründungsakt der »Frauen für den Frieden« in der DDR.

Gründung und Aktion der Frauen für den Frieden

Einige der Frauen kannten sich bereits durch Aktivitäten in der staatlich unabhängigen Friedensbewegung oder durch gemeinsame System-kritische Freundeskreise. Vereint durch ihre pazifistische Sichtweise standen sie der Aufrüstung und zunehmenden Militarisierung der Gesellschaft ablehnend gegenüber.

Als sie erfuhren, dass in Mecklenburg bereits die Musterung von Krankenschwestern begonnen hatte, wurden sie aktiv. Zunächst einzeln schrieben sie Briefe an die Partei- und Staatsführung. Bei diesen „Eingaben“ handelte es sich um eine gesetzlich geregelte Form, Beschwerden, Hinweise oder Vorschläge an Staatsbeamte zu richten. Eingaben waren eine der wenigen Möglichkeiten in der DDR, bestehende Verhältnisse zu kritisieren.

Da die Frauen keine Antworten erhielten, entschlossen sie sich, eine gemeinsame Eingabe zu organisieren. Dafür sammelten sie Unterschriften.
Im Bewusstsein, dass die Aktion die Aufmerksamkeit der Stasi auf sie ziehen würde, unterschrieben weitere 130 Frauen aus Berlin und Halle den Protest.

Wir Frauen wollen den Kreis der Gewalt durchbrechen und allen Formen der Gewalt als Mittel zur Konfliktlösung unsere Teilnahme entziehen.

Auszug aus der Eingabe

Doch bei der bloßen Eingabe wollten es die Frauen nicht belassen. Zusätzlich planten sie eine Aktion auf dem Berliner Alexanderplatz. Schwarz gekleidet wollten sie auf der Post die Eingabe gemeinsam mit ihren Kriegsdienstverweigerungen abgeben. Das alles unter der Beobachtung der Stasi.

Die Aktion gelang, obwohl Stasi-Mitarbeiter versuchten, einzelne Frauen währenddessen zu verhaften.

Aber dann haben wir Frauen uns alle zusammen untergehakt, und immer wenn diese jungen Männer in Zivil versuchten, uns da rauszureißen, haben wir laut geschrien. Und da ein Aufsehen vermieden werden sollte, es waren auch Westkameras da, da haben sie wieder abgelassen. Und so konnten wir uns schützen.

Almut Ilsen im Interview mit Deutschlandfunk vom 7.11.2019

Beobachtet von der Stasi und Verbreitung der Opposition

In den folgenden Wochen folgten Vernehmungen und Einschüchterungsversuche durch die Staatssicherheit. Auch zu Verhaftungen kam es, doch wurden die Frauen aufgrund nationalen und internationalen Protests bald wieder freigelassen. Im Dezember 1982 gründete sich die Gruppe offiziell, man übernahm den Namen der westeuropäischen Mitstreiterinnen. Bereits seit Herbst hatte es Kontakte zur Westberliner Gruppe gegeben. Schnell gründeten sich weitere Gruppen in anderen Städten der DDR.

Der Staatssicherheit waren die Frauen für den Frieden ein Dorn im Auge. Über Jahre hinweg setzte sie die Mitglieder unter Druck und versuchte so, die Gruppen zu spalten. Unter dem Namen „Wespen“ wurde ein Vorgang zur „Zersetzung“ der Gruppen eingeleitet. Einige Mitglieder verloren ihre Jobs, wurden immer wieder verhaftet und verhört. Trotz allem brach die Gruppe nicht auseinander, die Frauen unterstützten sich gegenseitig.

Auch wenn sich die Themen im Laufe der Jahre änderten, blieb eines innerhalb der Gruppe gleich. Man agierte als reine Frauengruppe, das solidarische Miteinander hatten die Frauen schnell zu schätzen gelernt. Zu weiteren Aktionen zählten beispielsweise weitere Eingaben- und Unterschriftenaktionen, Gemeindetage, Bitt- und Klagegottesdienste und die Teilnahme an Friedenswerkstätten. Insbesondere die politischen Nachtgebete erfuhren Aufmerksamkeit, an manchen Veranstaltungen nahmen Hunderte von Frauen teil.

Die Berliner Gruppe der Frauen für den Frieden gab es bis 1988. Damit gehörte sie zu einer der am längsten bestehenden Oppositionsgruppen in der DDR. Einige Mitglieder spielten während der Friedlichen Revolution 1989 und in den folgenden Monaten wichtige Rollen.

Veranstaltungshinweis

Am 29. September nach der 18 Uhr-Andacht berichten Almut Ilsen und Ulrike Poppe in der Gethsemanekirche in Berlin von ihren Erfahrungen. Auch diese Veranstaltung findet unter Beachtung der aktuellen Coronaregeln statt.

Mehr Infos zur Veranstaltung hier.

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Über uns 
Annalena B. arbeitet bei Gegen Vergessen - Für Demokratie e.V.

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